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28.03.2024

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Bettina Sluzalek

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Marie Konrad

Theater der Welt - ein Realitäts-Check in Sachen Nachhaltigkeit

Bettina Sluzalek im Gespräch mit Anne Kleiner und Ann-Sophie Reiser

Anne Kleiner und Ann-Sophie Reiser betreuten das Thema Nachhaltigkeit für das Festival Theater der Welt in Frankfurt/M. und Offenbach. Im Gespräch mit Bettina Sluzalek berichten sie über die Nachhaltigkeitsstrategie für das Festival, Herausforderungen bei der Durchführung und Möglichkeiten der Nachnutzung.

      

Bettina Sluzalek

Für das Festival Theater der Welt 2023 habt ihr euch mit dem Thema Nachhaltigkeit intensiv beschäftigt und auch beraten lassen. Mittlerweile gibt es verschiedene Organisationen und Netzwerke, die Beratungen anbieten. Warum habt ihr euch für das Institut für Zukunftskultur entschieden und wie sah die Beratung aus?

Anne Kleiner

Wir haben 2022 angefangen, uns damit zu beschäftigen. Zu diesem Zeitpunkt ist uns das Institut für Zukunftskultur wegen der Erfahrungen im Kulturbereich und ihrer Expertise im Hinblick auf Kulturbetriebe und Theater-Festivals aufgefallen. Zuvor hatten wir auch mit anderen Institutionen gesprochen, sind am Ende aber doch beim Institut für Zukunftskultur hängengeblieben. Das Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit war noch in Vorbereitung; später hatten wir dann zusätzlich noch ein Gespräch mit Jacob Bilabel zur Frage, wie das Thema der Nachhaltigkeit in so einem Festival-Kontext Sinn ergeben kann.

Bettina Sluzalek

Und inwieweit ergibt es Sinn, wie wurdet ihr beraten, was wurde euch empfohlen?

Ann-Sophie Reiser

Wir haben mit einem Input-Workshop begonnen, in dem es darum ging, was Nachhaltigkeit eigentlich bedeutet. Das war wie ein Sensibilisierungs-Workshop, weil natürlich nicht alle in einem Team ein gleiches oder ähnliches Verständnis der Begrifflichkeit haben. Insgesamt gab es drei Workshops mit Tabea Leukhardt, der Leiterin des Instituts für Zukunftskultur und Rebecca Heinzelmann, der Nachhaltigkeitsmanagerin für Kulturbetriebe, die auf Theater und Festivals spezialisiert ist. Beide waren mindestens dreimal bei uns und haben uns teamintern beraten. Es wurde abgeklopft, welche Handlungsfelder es bei einem internationalen Festival gibt, welche wir auf jeden Fall angehen wollen und welche wir vielleicht noch nicht schaffen. Zum Beispiel die Flüge: Können wir da kompensieren, was gibt es für Möglichkeiten? Das gesamte Team hat alle Arbeitsabläufe betrachtet und gemeinsam Handlungsfelder und Maßnahmen entwickelt. Dann kamen die Beraterinnen wieder dazu und im dritten Workshop wurden die Maßnahmen in einer Wesentlichkeitsanalyse priorisiert. So haben sich die Maßnahmen herauskristallisiert, die wir versucht haben, umzusetzen.

Bettina Sluzalek

Bevor wir zu den konkreten Maßnahmen kommen, würde mich noch interessieren, welche Kapazitäten ihr im Team hattet. Wir haben bei den Schlossfestspielen die Erfahrung gemacht, dass Analyse und Umsetzung viel Zeit in Anspruch nehmen, Zeit, in der andere Aufgaben nicht wahrgenommen werden können. Wie habt ihr das gehandhabt?

Anne Kleiner

Am Anfang war die Prämisse, dass das gesamte Team sich mit dem Thema beschäftigt, damit alle den gleichen Einstieg haben und eine gemeinsame Basis geschaffen wird. Dann haben sich alle in ihren jeweiligen Fachbereichen engagiert, mit dem Thema auseinandergesetzt und überlegt, wie es in ihren Kompetenzbereich integriert werden kann. Mit zunehmendem Fortschreiten der Zeit und Herannahen des Festivals sind die Möglichkeiten, sich zu engagieren und die Maßnahmen dezidiert zu verfolgen, mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Meiner Ansicht nach bedarf es einer einzelnen Person, die diese Maßnahmen verfolgt und die ausschließlich dafür zuständig ist; das ist ein eigener Arbeitsbereich. Man kann sich über den Umfang im zeitlichen Verlauf von Vorbereitung und Umsetzung so einer Position unterhalten, aber grundsätzlich braucht es eine Person, die nur dieses Thema bearbeitet und umsetzt.

Bettina Sluzalek

Welche Maßnahmen konntet ihr denn umsetzen bzw. habt ihr umgesetzt?

Ann-Sophie Reiser

Das Erste war die Kooperation mit Nextbike, dem Fahrradverleihanbieter. Es war zwar ein längerer Prozess, aber am Ende konnten die Künstler:innen, die Teilnehmer:innen der Academy und das Team vergünstigt oder kostenlos mit einem Leihfahrrad fahren. Nextbike war zunächst nicht in Offenbach angesiedelt, doch in Offenbach wurden eigens für das Festival virtuelle Stationen installiert, um die Verbindung zwischen Frankfurt und Offenbach zu ermöglichen. Sonst hätte man immer kurz vor der Grenze absteigen und das Fahrrad stehen lassen müssen.
Oder auch die Druckerzeugnisse, seien es Printprodukte oder Banner, für die hat von Seiten der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sehr viel Recherche stattgefunden. Okay, blauer Engel bei Papier, das machen wir ja mittlerweile alle. Aber zusätzlich haben wir geschaut: Was ist denn eine nachhaltige Druckerei und was für Materialien können wir zum Beispiel für Banner verwenden. Da wurde sehr, sehr viel recherchiert.

Anne Kleiner

Ja, das stimmt! Am Ende des Tages scheiterte jedoch vieles an der fehlenden Zeit, weil diese Prozesse oft länger brauchen, je nachhaltiger die Produkte sind. Und in manchen Momenten war in diesem Festival, wie es leider oft ist, der Aktionszeitraum relativ klein. Wir sind deshalb an manchen Punkten gescheitert, die Dinge dann auch nachhaltig herstellen zu lassen. Nach dem Festival haben wir versucht, Materialien weiter zu verwenden. Wir haben zum Beispiel ein Banner in Hipbags umarbeiten lassen. Aber das sind alles Sachen, die letztendlich jetzt bei der durchführenden Institution liegen, nicht beim Festival.

Das gesamte Team hat alle Arbeitsabläufe betrachtet und gemeinsam Handlungsfelder und Maßnahmen entwickelt. Dann kamen die Beraterinnen wieder dazu und im dritten Workshop wurden die Maßnahmen in einer Wesentlichkeitsanalyse priorisiert. So haben sich die Maßnahmen herauskristallisiert, die wir versucht haben, umzusetzen.

Bettina Sluzalek

Das heißt, dass man schon früher mit der Planung und Vorbereitung für die Maßnahmen ansetzen müsste?

Anne Kleiner

Genau, man müsste früher ansetzen. Dies hat allerdings Auswirkungen auf andere Arbeitsbereiche, beispielsweise die künstlerische Programmierung, die natürlich primär ein anderes Interesse hat, nämlich möglichst viel Zeit für die Entwicklung und Finalisierung des Programms. Die beiden Notwendigkeiten gehen, vor allem in einem Festival, das einmalig veranstaltet wird, nicht einfach zusammen.

Bettina Sluzalek

Wie wurden denn die Maßnahmen im Team, von Künstler:innen und Publikum angenommen?

Ann-Sophie Reiser

Ich würde sagen, im Team war das überhaupt kein Thema, auch weil durch die Sensibilisierungsworkshops eine Grundlage gelegt war. Es war dann eher ein Problem, dass wir zeitlich nicht geschafft haben in die Umsetzung zu kommen, was zu Bedauern geführt hat. Alle waren sehr engagiert.

Anne Kleiner

Ich glaube, es gab tatsächlich eher das Bedürfnis, noch mehr umzusetzen, aber das ist dann an den fehlenden Kapazitäten gescheitert.

Bettina Sluzalek

Und konnte das Publikum eigentlich auch die Fahrräder etc. nutzen?

Ann-Sophie Reiser

Es gab Gutscheine von Nextbike im Programmheft und wir hatten Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel, die waren in den Veranstaltungstickets enthalten und wurden sehr viel genutzt. Gerade auf der Strecke zwischen Frankfurt und Offenbach, dass man die öffentlichen Verkehrsmittel einfach mit dem Ticket für die Vorstellung nutzen konnte, dazu habe ich sehr viele positive Rückmeldungen bekommen.

Bettina Sluzalek

Welche Maßnahmen habt ihr sonst noch umgesetzt, zum Beispiel in Bezug auf Catering. Wir haben in Ludwigsburg z.B. mit einem Unverpackt-Laden zusammengearbeitet, um den Müll zu reduzieren und die Künstler:innen haben anstatt Blumen Baumurkunden bekommen für Bäume, die gepflanzt wurden . Gab es bei euch ähnliche Aktionen?

Ann-Sophie Reiser

Beim Catering gab es verschiedene Herausforderungen, weil wir zehn verschiedene Spielstätten hatten, die teilweise eine Infrastruktur hatten und teilweise nicht. Wenn bereits eine Infrastruktur vorhanden war, mussten wir abwägen, wie viele Kapazitäten wir zusätzlich investieren. Das Catering am Mousonturm ist sowieso vegetarisch und wenn wir quasi nochmal zusätzliches Catering hatten, dann war das auch vegetarisch oder vegan. Wir haben geschaut, was wir schon haben, womit wir arbeiten müssen und wo wir die Möglichkeit haben, das noch zu beeinflussen.

Anne Kleiner

In diesem Zusammenhang war die Beratung vom Institut für Zukunftskultur interessant, auch da hätte man natürlich viel früher ansetzen und alle institutionellen Partner:innen einbeziehen können - es gab drei Institutionen, die dieses Festival durchgeführt haben, plus das Amt für Kulturmanagement in Offenbach und die anderen Spielstätten, die wir extern mit ins Boot geholt haben. Mit allen hätten wir diese Gespräche führen müssen. Gemeinsam schauen, wo wir vielleicht noch einen Schritt weitergehen können, auch über das Festival hinaus, denn es ergibt ja nur Sinn, wenn wir schon über Nachhaltigkeit sprechen, wenn Maßnahmen auch danach umgesetzt werden und nicht nur für die zweieinhalb Wochen des Festivals.

Bettina Sluzalek

Das wäre meine nächste Frage, wo seid ihr an Grenzen gestoßen?

Anne Kleiner

Das war auf jeden Fall eine Grenze. Man muss ja nicht gleich die Welt in allem neu erfinden, ich hätte mir aber gewünscht, dass man solche Gespräche schon früher angeht, selbst wenn sie dann nicht in eine sichtbare Umsetzung führen. Dass man einen Sensibilisierungsworkshop nicht nur für die Teammitglieder von Theater der Welt 2023 macht, sondern auch für die beteiligten Institutionen.

Bettina Sluzalek

Gibt es noch weiteres, von dem ihr sagen würdet, da sind wir an eine Grenze gestoßen oder da sind unsere Vorstellungen nicht aufgegangen?

Ann-Sophie Reiser

Ich glaube, es gab viele kleinere Grenzen, besonders im Bereich Technik. Diesen haben wir ehrlich gesagt irgendwann ausgeklammert. Wir haben viel angemietet und es war schwierig zu sagen: Ah, übrigens, habt ihr euch schon mal mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt? Dafür waren schlichtweg Zeit und Personal nicht da. Wir lernen noch, wie viel Zeit, wie viele Personen, wie viel Geld es überhaupt braucht, um solche Prozesse nachhaltiger zu gestalten und zu implementieren.

Bettina Sluzalek

Ja, solche Maßnahmen sind oft teurer, angefangen beim Ökostrom, Catering und so weiter. Wie ist eure Erfahrung mit den Förderern, wurde das unterstützt oder gab es eher Schwierigkeiten wegen der höheren Kosten?

Anne Kleiner

Wir haben bereits im Kosten- und Finanzierungsplan die Mehrkosten dargestellt, vor allem der Punkt der Flugkompensation hat zu Diskussionen geführt. Da das Festival in seiner Grundfinanzierung vor allem durch drei Förderer finanziert wird - den Bund, das Land und die Kommune -, waren wir mit unterschiedlicher Haltung zu dem Thema Flugkompensation konfrontiert. Die Haltung hat sich entwickelt innerhalb der Jahre, in denen wir das Festival vorbereitet und durchgeführt haben. Das heißt wir haben kontinuierlich immer wieder rückgefragt: Können wir, können wir nicht? Aber am Ende des Tages haben alle gesagt: Ja, ihr könnt. Da wir im Festival nur eine begrenzte Finanzkapazität für den Bereich Nachhaltigkeit, aber auch Barrierefreiheit und Awareness hatten, gab es im Laufe der Zeit die Entscheidung, Barrierefreiheitsmaßnahmen zu priorisieren, dann gab es nicht mehr wahnsinnig viele Mittel, um Maßnahmen in der Nachhaltigkeit umzusetzen oder zu finanzieren. Hierfür bräuchte es eine Aufstockung der Mittel, damit nicht das künstlerische Programm eingeschränkt werden muss. Zudem sind einige Maßnahmen nur von den ausführenden Institutionen umzusetzen (wie bspw. die Nutzung von Ökostrom), da hat die Festivalstruktur von Theater der Welt kaum Einflussmöglichkeiten, außer dies wird Entscheidungskriterium in der Auswahl des Austragungsortes.

Bettina Sluzalek

Manchmal steht sogar in den Förderrichtlinien, dass man möglichst klimaneutral arbeiten sollte, z.B. beim Fonds Zero.

Anne Kleiner

Genau, aber das war in unserem Kontext nicht der Fall. Fonds Zero ist schon eine sehr spezifische Förderung, die explizit dafür entwickelt wurde. Was das Festival angeht, da bewegen wir uns in einem vollkommen anderen Förderfeld. Dieses Festival wird explizit gefördert, um ein internationales, hochkarätiges, aus der ganzen Welt kommendes Programm an einen Ort, in eine Region zu bringen. Das ist der Fokus der Förderung und da geht es nicht maßgeblich darum, nachhaltig zu sein, wie beim Fonds Zero.

Bettina Sluzalek

Meint ihr, dass es darum mehr gehen sollte? Da gehen die Meinungen tatsächlich auseinander. Die einen sagen, man muss das alles verpflichtend machen, sonst passiert gar nichts, andere sagen, das ist ein Eingriff in die künstlerische Freiheit, in die persönliche Freiheit.

Ein internationales Festival darf die Fragen von Nachhaltigkeit nicht ausblenden, gleichzeitig führt die Zielsetzung des Festivals manche Maßnahmen ad absurdum. Und wir müssen aufpassen, dass das Bestreben nach nachhaltigeren Festivals nicht zu ausschließenden, postkoloniale-Strukturen reproduzierenden Maßnahmen führt.

Anne Kleiner

Ich finde, das ist eine Gratwanderung. Ein internationales Festival darf die Fragen von Nachhaltigkeit nicht ausblenden, gleichzeitig führt die Zielsetzung des Festivals manche Maßnahmen ad absurdum. Und wir müssen aufpassen, dass das Bestreben nach nachhaltigeren Festivals nicht zu ausschließenden, postkoloniale-Strukturen reproduzierenden Maßnahmen führt, so nach dem Motto: Weil du aus dem globalen Süden kommst und deswegen so weit fliegen musst, kannst du leider nicht kommen, weil das nicht gut für die Umwelt ist.

Bettina Sluzalek

Darum geht es in dem Text „Kulturelle Mobilität und umweltbezogene Nachhaltigkeit“ von Ukhona Ntsali Mlandu. Sie schreibt, dass wir von sehr unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen. Es geht darum, wie Macht und Ressourcen historisch und gegenwärtig organisiert sind und wie wir sie in Zukunft organisieren wollen. Und natürlich auch darum, dass wir in unserem Sektor oft postkoloniale Strukturen fortsetzen, weil von hier das Geld kommt, und somit neue Abhängigkeiten entstehen. Wie geht ihr damit um?

Anne Kleiner

Das ist ein Thema, das uns nicht unbewusst war und ist, dass in der Praxis des Mousonturms eigentlich Dauerpräsenz hat. Wir sind ein international produzierendes und zeigendes Haus. Wir leben davon und gleichzeitig sitzen wir halt auf dem Geld und treffen Entscheidungen. Im Kontext des Festivals haben wir versucht, zu schauen, wie wir Künstler:innen mit weiter Anreise hier in einen Kontext integrieren können, der nicht nur bedeutet, zweimal im Rahmen des Festivals aufzutreten. Uns interessiert nicht, ob wir die Europa- oder die Deutschlandpremiere haben. Uns interessiert, dass die Künstler:innen touren und möglichst vorher und hinterher weitere Auftritte haben. Nicht nur wegen der Nachhaltigkeit, sondern auch um den Gruppen eine andere Präsenz, eine andere Verdienstmöglichkeit, eine andere Präsentationsmöglichkeit zu geben. Es geht darum, dass sie spielen und nicht darum, dass sie nur bei uns spielen. Gleichzeitig schauen wir, wie wir Vergleichbarkeit in den Honorarzahlungen herstellen. Das gelingt mal mehr und mal weniger, je nachdem.

Bettina Sluzalek

Wir orientieren uns in unserem Festival an den Sustainable Development Goals, um auch das Thema der sozialen Nachhaltigkeit programmatisch einzubeziehen. Wie nachhaltig war euer Festival inhaltlich und programmatisch? Konnten die Projekte, Produktionen etwas bewegen, verändern sie etwas, haben sie Konsequenzen?

Anne Kleiner

Die Besonderheit dieser Ausgabe des Festivals war meiner Ansicht nach, dass wir eine internationale Kuratorin hatten, die aus einem anderen Kulturkontext kam. Dadurch waren wir direkt in der Debatte, wer das Geld hat und wer welche Entscheidungen trifft. Diese Fragestellungen mussten wir diskutieren, teilweise so, dass sie zielführend waren und teilweise, dass wir aneinander gescheitert sind, weil es so wahnsinnig komplex ist.

Bettina Sluzalek

Kannst du das etwas ausführen?

Anne Kleiner

Ja, wir sind an verschiedene Grenzen gestoßen, es gab die kulturellen Grenzen und die Sprachbarrieren. Wir haben alle nicht in unserer Muttersprache gearbeitet, da sind Missverständnisse vorprogrammiert. Zweitens, unterschiedliche Kulturen bedeuten unterschiedliche Verständnisse, zum Beispiel von Arbeitsbereichen. Man hätte eigentlich eine interkulturelle Coachingbegleitung gebraucht, die sagt, unterhaltet euch mal über Berufsbilder, wie seht ihr welches Berufsbild, mit welchen Aufgaben ist es versehen? Nehmt euch dafür Zeit, dann habt ihr schon viel ausgeräumt an möglichen Missverständnissen.

 

Ann-Sophie Reiser

Ich habe nochmal über die Programmatik nachgedacht, darauf sind wir noch nicht eingegangen. Spontan fällt mir "Abana bamazi“ (Kinder des Wassers) von Small Citizens ein, das eingebettet in das Programm für junges Publikum war, aber auch explizit ältere Menschen ansprach. Dieses Stück beschäftigt sich mit der globalen Geschichte des Wassers, dass diese Ressource in vielen Regionen Afrikas verschwindet. Das Thema war spielerisch sehr gut aufbereitet und gut verständlich, in keiner Weise anklagend. Ebenso hat sich „Ultimate Safari“ von Flinn Works, eine immersive Arbeit aus VR-Technologie und Live-Performance, mit sozialer Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Man saß im Raum und hat eine Safari durch einen Nationalpark gemacht und dabei wurde thematisiert, dass dies noch immer eine sehr kolonialistische Praxis ist.

Außerdem fällt mir „El Warcha - die Werkstatt“ ein. Ein tunesisches Kollektiv, das mit vorhandenen Materialien arbeitet. Gemeinsam mit Schulklassen haben die Künstler:innen aus bestehenden Materialien Sitzmöglichkeiten, Tischtennisplatten, Skulpturen und Rutschen in verschiedenen Workshops gebaut, es entstand ein flexibler Raum, man konnte sich dort aufhalten, dort wurden Talks abgehalten, es gab Workshops für Kinder und Erwachsene. Am Ende wurden die gebauten Teile versteigert, um sie dann wieder an Schulen zu bringen.

Bettina Sluzalek

Das ist auf jeden Fall auch eine Form von Nachhaltigkeit, Projekte, die inspirieren, Probleme und Möglichkeiten aufzeigen und bestenfalls Konsequenzen haben. Ich denke, wir haben nicht nur Einiges über die Möglichkeiten und Grenzen ökologischer Nachhaltigkeit im Rahmen eines internationalen Festivals erfahren, sondern auch über Möglichkeiten und Grenzen der transnationalen Arbeit. Ganz herzlichen Dank!

 

Anne Kleiner arbeitet seit 2016 am Künstler:innenhaus Mousonturm, vorher war sie Produktionsleiterin bei verschiedenen internationalen Projekten, wie zum Beispiel Meg Stuart / Damaged Goods, raumlaborberlin und der Kulturhauptstadt Ruhr.2010. Für Theater der Welt 2023 hat sie die Kaufmännische Leitung übernommen und war u.a. für die Bereiche ökologische Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit und Awareness verantwortlich.

Ann-Sophie Reiser war als Koordinationsreferentin der künstlerischen und kaufmännischen Leitung bei Theater der Welt 2023 tätig. Sie hat ihre Bachelorarbeit über Theater und Nachhaltigkeit geschrieben und sich viel mit dem Thema beschäftigt. Bei Theater der Welt 2023 war sie mitverantwortlich für Nachhaltigkeit, Awareness und Barrierefreiheit. Mittlerweile hat sie auch eine Weiterbildung zur Nachhaltigkeitsmanagerin für Kulturbetriebe gemacht.

Bettina Sluzalek war 15 Jahre im Vorstand des Internationalen Theaterinstituts, davon 6 Jahre Vizepräsidentin. Sie war viele Jahre Mitglied der Künstlerischen Leitung am radialsystem, zuletzt Chefdramaturgin bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Für die Festspiele hat sie mit Jochen Sandig ein Konzept entwickelt und umgesetzt, das sich an den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN orientiert.