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12.02.2026

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Juliane Zellner

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Marie Konrad

Die Zeit der automatischen Sympathie ist vorbei

Goethe-Institut, ifa, ITI und ihre Arbeit im Wandel der Zeit

Juliane Zellner im Gespräch mit Gesche Joost (Präsidentin des Goethe-Instituts),
Gitte Zschoch (Generalsekretärin des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen) und
Yvonne Büdenhölzer (Präsidentin des Deutschen Zentrums des Internationalen Theaterinstituts).

Juliane Zellner

Sind wir nicht alt geworden? Nach jüngsten runden Geburtstagen des Goethe-Instituts und des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) feiert nun das ITI 70-jähriges Bestehen. Die Weltordnung hat sich in diesen sieben Jahrzehnten mehrfach neu konstituiert, die Grundpfeiler der internationalen Zusammenarbeit immer wieder verschoben. Unser Jubiläum nehmen wir daher als Anlass für einen Rückblick in unsere eigene Geschichte und in die anderer international tätiger Kulturinstitutionen: Was war der Gründungsgedanke dieser Institutionen? Welche wesentlichen Veränderungen lassen sich zwischen den Gründungsjahren und der heutigen Situation feststellen?

Gitte Zschoch

Als ältester Kulturmittler in der Runde kann ich gerne beginnen. Die Gründung des ifa 1917 in Stuttgart noch während des Ersten Weltkrieges ist aus heutiger Sicht nicht unbelastet, die Verstrickungen mit dem kolonialen Denken dieser Zeit sind offensichtlich. Nachdem das ifa unter dem Namen „Museum und Institut zur Kunde des Auslandsdeutschtums und zur Förderung deutscher Interessen im Ausland“ eröffnete, fand im ersten Jahr eine Umbenennung in „Deutsches Ausland-Institut“ statt. Klares Ziel war es, Deutschland international zu Ansehen zu verhelfen. Während der NS-Zeit hat sich das Institut gleichgeschaltet. Die Neugründung 1949 unter dem Namen Institut für Auslandsbeziehungen und die Aufnahme der Tätigkeiten 1951 standen unter anderen Vorzeichen: Zentral war und ist, über internationale Arbeit friedensstiftend zu wirken und den Dialog zu fördern, z.B. über tournierende Kunstausstellungen, die Räume für Begegnungen und kritisches Denken fördern, oder die Arbeit mit Zivilgesellschaften, etwa den Organisationen der deutschen Minderheiten in Osteuropa. 

Gesche Joost

Das Goethe-Institut wurde im selben Jahr – 1951 – gegründet. Ihre Vorgänger-Institution, die Deutsche Akademie, wurde jedoch bereits 1925 gegründet. Aus ihr ist das Goethe-Institut hervorgegangen. 1951 war ein besonderes Jahr: Der Nationalsozialismus war in Deutschland gerade erst überwunden, die Bundesrepublik Deutschland hatte sich neu konstituiert, als Land musste man den Krieg noch verarbeiten und war zugleich mit der Frage konfrontiert, wie man sich als Gesellschaft so bestialisieren konnte. Für die Neuaufstellung des Landes war es daher damals relevant, wie wir im Ausland zukünftig wahrgenommen werden wollen. Durch die Gründung des GoetheInstituts wurde und wird das Ziel verfolgt, Netzwerke über Kultur und Sprache zu knüpfen und weltweit Freundschaften zu schließen. Heute haben wir 150 Institute in 99 Ländern weltweit. Diesen Gründungsgedanken, über Kultur und Sprache in der Welt wahrgenommen zu werden, finde ich nach wie vor tragfähig. Dazu gehört aber auch Mut und Durchhaltevermögen, gerade wenn man sieht, dass autokratische Regime mit harten Bandagen über Propaganda, über Fake News, auch über massive finanzielle Investitionen direkten Einfluss nehmen.

„Gerade jetzt verbreiten sich unsere Ideen nicht nur über physische Institute, sondern auch per digitaler Reichweite. Darüber lassen sich ganz andere Zielgruppen ansprechen, diese Instrumente würde ich gerne stärker strategisch nutzen.“

Gesche Joost

Yvonne Büdenhölzer

Anscheinend fußen unsere drei Institute auf einem ähnlichen Gründungsimpetus: Nach zwei Weltkriegen war man offensichtlich der Ansicht, eine transnationale Verständigung über Kultur könne zur Friedenswahrung beitragen. Anders als ifa und Goethe-Institut ist das ITI jedoch ein Weltverband mit nationalen Zentren, der sich auf den Austausch und die Zusammenarbeit im Bereich der darstellenden Künste fokussiert. Die Gründung des ITI 1948 geht auf eine Initiative der UNESCO zurück; das Zentrum in der BRD wurde dann 1955 gegründet; 1959 folgte das Zentrum in der DDR. Der Weltverband agiert in dezentraler Weise und ist darauf angewiesen, dass sich in Ländern durch das aktive Engagement von Künstler*innen vor Ort nationale Zentren gründen, ob nun mit Hilfe öffentlicher oder privater Förderung. Momentan existieren 92 Zentren weltweit. 

Wie auch beim Goethe-Institut und dem ifa ist die internationale Zusammenarbeit für uns zentral. Historisch und gegenwärtig sehen wir immer wieder, dass der Verband uns einen geschützten Raum bietet, in dem Kunst unsere gemeinsame Basis bildet. In diesem Raum kann Kommunikation ohne Vorverurteilung stattfinden. Es treffen Menschen aus Ländern zusammen, deren politische Vertreter*innen die gemeinsamen Gespräche längst für beendet erklärt haben.

Juliane Zellner

Vertrauliche Räume zu etablieren, im Kontakt zu bleiben, wenn staatspolitische Türen sich schließen: Welche Bedingungen für das Gelingen internationaler Zusammenarbeit sind hier aus Eurer Erfahrung besonders wichtig? 

Gesche Joost

Schwer wird es immer, wenn wir ein Land verlassen müssen – wie in Belarus, Afghanistan oder Syrien, wo wir unsere Institute schließen mussten. In Russland sind unsere Institute noch offen, jedoch mussten wir aufgrund einer Anordnung der russischen Regierung das Personal drastisch reduzieren und dürfen nur noch gut ein Dutzend Mitarbeitende vor Ort beschäftigen. Da zeigt sich die harte politische Realität. Aber es gibt auch Gelingensbeispiele: In Zeiten der Militärdiktatur war unser Institut in Santiago de Chile einer der letzten Safe Spaces für freien Austausch – ebenso wie heute unsere Bibliotheken in Moskau geöffnet bleiben, solange es irgend möglich ist. Auf Grund der geschlossenen Institute haben wir in Berlin das Goethe-Institut im Exil geöffnet. Dort arbeiten wir etwa in Kooperation mit der Martin Roth-Initiative, dem ifa, oder auch in kooperativen Veranstaltungsformaten etwa mit touring artists, einem Projekt des ITI. Die Krisen haben uns auch gezeigt, dass wir unsere digitale Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ausbauen müssen. Wir erreichen derzeit sieben Millionen Follower*innen. Gerade jetzt verbreiten sich unsere Ideen nicht nur über physische Institute, sondern auch per digitaler Reichweite. Darüber lassen sich ganz andere Zielgruppen ansprechen, diese Instrumente würde ich gerne stärker strategisch nutzen. Wir wollen die Interessen Deutschlands vertreten, indem wir erlebbar machen, was eigentlich eine offene Gesellschaft ist.  

Besonders relevant ist das zum Beispiel im Südkaukasus, etwa in Georgien oder in der Republik Moldau, wo der gesellschaftliche Kurs gegenüber Europa noch unentschieden ist. Hier können aktive digitale Kommunikation und kulturelle Präsenz mit unseren Instituten vor Ort einen echten Unterschied machen – vor allem, um Ängste abzubauen und Vertrauen in europäische Werte zu stärken. 

Gitte Zschoch

Darf ich nachfragen, was Du genau mit einer digitalen Kulturaußenpolitik meinst. Den Einbezug sozialer Netzwerke, über Content Produktion und Zusammenarbeit etwa mit Influencer*innen? 

Gesche Joost

Genau, so meine ich das: Bisher berichten wir über unsere Arbeit und bieten viel Deutsch-Lern-Content – das ist gut, aber wir sollten den nächsten Schritt gehen und digitale Kommunikation als zentrales Instrument der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik begreifen. Dafür brauchen wir gemeinsame Strategien: Wie wollen wir wahrgenommen werden? Wo entstehen Synergien? Wie erhöhen wir Reichweite und erreichen neue Zielgruppen? Unser Ziel muss es doch sein, die nächste Generation anzusprechen – mit Content, der Fake News entgegentritt und Menschen auch emotional erreicht. 

Gitte Zschoch

Das finde ich sinnvoll, denn ihr habt die Ressourcen dafür. Für uns bedeutet digitale Kulturaußenpolitik, Räume für Austausch und Dialog im Netz zu schaffen, die so sicher wie derzeit möglich sind – mit Transparenz über die digitale Infrastruktur, Datensouveränität und Unabhängigkeit von kommerziellen Anbietern. Durch Formate wie die Civil Society Platform ermöglicht das ifa, dass sich bedrohte Akteur*innen auch grenzüberschreitend vernetzen und digital in sicheren Räumen zusammenarbeiten können. 

Juliane Zellner

Kommen wir nochmal zurück zum ifa: Was ist für Euch eine Bedingung für das Gelingen internationaler Zusammenarbeit? 

Gitte Zschoch

Die wesentliche Bedingung liegt darin, beständig, langfristig und bedarfsorientiert zu arbeiten, Verständnis zu fördern und Vertrauen aufzubauen. Ein Beispiel gibt unsere Ausstellung EVROVIZION, die bosnisch, deutsch und serbisch kuratiert wurde – für Regionen an Europas Peripherie. Sie startete in Sarajevo, reiste weiter nach Serbien, Zypern, Georgien, Bulgarien und bald Moldau. Entstanden ist sie aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit – Zugehörigkeit zu Europa – in den angesprochenen Gesellschaften, mit starkem Bezug zu lokalen Bedürfnissen.  Die beteiligten Künstler*innen und Kurator*innen bilden eine wachsende Community. An jedem Ort stoßen neue Personen dazu, die eigene Arbeiten entwickeln und beitragen. Möglich wird das durch unsere Netzwerke in die Kunstszenen und durch die Flexibilität unserer Formate – eine besondere Stärke des ifa. So können wir Projekte auch außerhalb von Metropolen umsetzen und selbst dann weiterarbeiten, wenn Räume vor Ort enger werden, wie wir es in Georgien sehen. Diese Ansätze wollen wir künftig noch stärker ausbauen. 

„Bei Ereignissen wie dem 7. Oktober und seinen Folgen sehen wir, wie fragil internationale Verbindungen geworden sind – und wie wichtig es ist, physische Begegnungen und direkten Dialog aufrechtzuerhalten."
Yvonne Büdenhölzer 

Juliane Zellner

Seit den 1960er Jahren sprechen wir von der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik als dritter Säule neben der klassischen Diplomatie und der Außenwirtschaftspolitik. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg war es für Deutschland zentral, der Welt ein neues Bild vermitteln zu können. Derzeit herrscht der Trend im Außenministerium vor, das „Säulensystem“ zu Gunsten einer integrativen und ressortübergreifenden Steuerung abzuschaffen. Wie ordnet Ihr das für Eure Organisation ein?

Gesche Joost

Die positive Lesart ist: Als Teil der Außenpolitik gewinnen wir an Bedeutung – unser Mandat ist politischer geworden. Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen und Bedrohungen rücken alle näher zusammen und werden zu gemeinschaftlichen Gestalter*innen der Außenpolitik. Die Herausforderung besteht für uns aber darin, dass viele neue Fachpolitiker*innen unsere Institutionen und ihre Gründungsidee kaum kennen. Wir müssen vermitteln, dass Kultur- und Bildungspolitik mehr ist als Diplomatie oder Wirtschaftspolitik – und sicherstellen, dass ein gemeinsames Verständnis entsteht.  

Gerade die Wirkungsweisen über Netzwerke und freiheitlichen Kulturaustausch sind etwas Besonderes. Für uns ist das dialogische Prinzip zentral: Wir greifen Themen auf, die in unseren Instituten relevant sind, und entwickeln daraus Partnerschaften. Gleichzeitig vermitteln wir auch ein aktuelles und umfassendes Deutschlandbild in der Welt. Wir hatten nie den Gestus, in der Welt zu dozieren, was gute Demokratie ist. Heute geht es darum, sie sensibel und gemeinsam weiterzuentwickeln. 

Gitte Zschoch

Über unsere Studien und aus der Erfahrung gelangen wir immer wieder zu der Erkenntnis, dass es entscheidend ist, wie wir in den Austausch gehen. Wir können daher aus Überzeugung sagen, dass die Zusammenarbeit nach dem bedarfsorientierten, partnerschaftlichen Prinzip nachhaltiger ist als die früheren, eher monodirektionalen Vorgehensweisen. Meines Erachtens kann das Setzen von Kultur als integrierten Bestandteil von Außenpolitik daher auch zeitgemäßer sein, denn letztlich brauchen wir insgesamt eine besser verzahnte Gesamtstrategie in Bezug auf Deutschlands Agieren im Ausland, auch im Verbund mit europäischen Initiativen. Das wäre vor Ort sicher manchmal wirkungsvoller als viele Einzelinitiativen aus Entwicklungszusammenarbeit, Außenpolitik und Kultur und Bildung. In den Diskursen taucht wieder häufiger der Begriff der Soft Power auf. Damit ist die Überzeugungsfähigkeit und Attraktivität eines Landes gemeint, die auf Kultur oder Werten beruht. Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist ein Teil davon. Uns, als Institutionen, die sich der transnationalen Verständigung über Kunst und Kultur widmen, kommt die Aufgabe zu, das zu gestalten. Der Begriff Soft Power macht unsere Arbeit anschlussfähiger. Daher bewerte ich es grundsätzlich erstmal als gut, wenn wir auch bei Akteur*innen anderer Politikbereiche und in der Gesellschaft an Sichtbarkeit gewinnen. 

Yvonne Büdenhölzer

Ich finde es durchaus nachvollziehbar, in der Integration von Kultur etwas Positives zu sehen, da diese als Politikbereich dadurch näher ins politische Machtzentrum rückt, sich mit Entscheidungsträger*innen zusammenschließt und nicht separiert. Trotzdem bleibe ich noch abwartend, gerade vor dem Hintergrund der omnipräsenten Kürzungsdiskussionen. Integration ermöglicht immer auch Einsparungspotential und in deren Folge Gestaltungsverlust. 

Gerne würde ich jedoch nochmal auf den Aspekt der Soft Power und damit die Annahme zurückkommen, dass mit wachsender kultureller Attraktivität eines Landes auch dessen geopolitischer Einfluss wachsen könne.

Gitte Zschoch

Ich weiß nicht, ob größere Soft Power automatisch mehr Einfluss bedeutet. Das klingt so einfach, aber letztlich funktioniert es nur, wenn diese Art der Power mit Authentizität hinterlegt ist. Das Beispiel Ukraine zeigt, wie wichtig der strategische Aufbau von Soft Power sein kann: deren Bewusstsein für eigene Sprache und Kultur wurde durch den Angriff auf die Krim und später die Vollinvasion verstärkt, was zur Gründung des Ukrainischen Instituts und dessen internationaler Vernetzung führte. Reine Kommunikationsmaßnahmen reichen meist nicht aus, was auch wir gelernt haben. In den 1970er- und 80er-Jahren veranstaltete das ifa viele Tourneeausstellungen großer Künstler*innen. Heute setzen wir verstärkt auf Co-Kreation – gemeinsam entwickelte Ausstellungen stoßen auf nachhaltigeres Interesse, verbinden sich besser mit Menschen vor Ort und laden zur kritischen Reflexion ein. Das wiederum ist eine Bedingung dafür, dass Verständnis entstehen kann und unsere Beziehungen stabiler sind. 

Juliane Zellner

Die Art und Weise, wie internationale Zusammenarbeit gestaltet und in Hinblick auf spezifische Zielsetzungen gewichtet wird, hat sich verändert: Unsere drei Institutionen verbindet anscheinend die internationale Netzwerkpflege, für die es Vertrauen und Kontinuität braucht. Mein Unwohlsein gegenüber der integrierten Kulturpolitik rührt aus der Sorge, dass Kultur eine Funktionsbestimmung erhält und nicht länger für sich steht. Seht Ihr hierin keine Gefahr? 

Gesche Joost

Gerade jetzt ist wichtig, dass wir an einem Strang ziehen. Wir sind als Institution unabhängig, gleichzeitig ist das Auswärtige Amt unser größter Mittelgeber. Darin liegt ein potenzielles Spannungsfeld, wir verfolgen allerdings gemeinsame Zielsetzungen.    

Als Institution gehen wir gerade durch einen Wandel. Wir kommen aus einer Zeit des Friedens, geprägt von gemeinsamem Austausch, Netzwerkpflege und Freiheit. Das bleibt unser Kern. Doch was ist unsere Antwort, wenn Russland mit Fake News und Propaganda arbeitet? Wenn China seine Interessen entlang der neuen Seidenstraße offen und mit Nachdruck vertritt? Können wir darauf ernsthaft nur mit Netzwerkpflege reagieren? Müssen wir nicht eher unseren Soft-Diplomacy-Ansatz nachjustieren und schärfen? Welche Interessen verfolgen wir, welche Instrumente haben wir, und wie messen wir deren Wirkung? Unsere Aufgabe muss mehr Fokus bekommen: Kunst und Kultur müssen einerseits frei bleiben; zugleich ist es aber auch unsere praktische Aufgabe, die deutsche Sprache zu vermitteln, Fachkräfte auf Deutschland vorzubereiten und Menschen weltweit ein zeitgemäßes Deutschlandbild zu vermitteln. 

Yvonne Büdenhölzer

Daran möchte ich anknüpfen: Als ITI treffen wir uns regelmäßig zu Weltkongressen. Nach der Corona-Pause fand 2023 der Kongress in Fujairah statt. Dort konnte ich als Mitglied des Executive Boards beobachten, wie sich Europas Rolle im Weltgefüge verändert hat. Europa wurde zunehmend als Krisenregion wahrgenommen – nicht mehr als unangefochtenes Symbol für Freiheit und Demokratie. 2025 fand der Kongress in Antwerpen und Den Bosch statt. Trotz großartiger Gastgeber war etwas anders: Viele Vertreter*innen afrikanischer ITI-Zentren konnten wegen fehlender Visa nicht teilnehmen. Europas Abschottungspolitik zeigte sich hier sehr deutlich und erschwerte die internationale Zusammenarbeit. Für unseren Weltverband, dessen Zusammenkünfte zentral sind, ist das ein tiefer Einschnitt mit symbolischer Wirkung – einer, dem wir aktiv entgegenwirken müssen. Denn gerade bei Ereignissen wie dem 7. Oktober und seinen Folgen sehen wir, wie fragil internationale Verbindungen geworden sind – und wie wichtig es ist, physische Begegnungen und direkten Dialog aufrechtzuerhalten. 

„Die von Euch genannten Themen sind nicht neu – die kritische Sicht auf Deutschland, Europa und den Westen war dort schon lange spürbar. Neu ist, dass wir diese internationale Wahrnehmung inzwischen auch in Deutschland realistischer sehen."
Gitte Zschoch

Gesche Joost

Auch uns beschäftigt der 7. Oktober. In unseren Goethe-Instituten weltweit hören wir die Kritik, Deutschland messe mit zweierlei Maß: einerseits postulieren wir eine Staatsräson gegenüber Israel, andererseits treten wir global für Menschenrechte und Freiheit ein. Diese Kritik hören wir deutlich aus der Zivilgesellschaft und müssen sie nach Deutschland zurückspiegeln. Als Kulturinstitut nehmen wir solche Stimmungen oft stärker wahr als die diplomatischen Vertretungen vor Ort. Die Zeit, in der deutsches oder europäisches Auftreten automatisch Sympathien weckte, ist vorbei. Gerade deshalb bleibt Kulturaustausch auf Augenhöhe wichtig – unaufdringlich und nachhaltig in seiner Wirkung. 

Gitte Zschoch

Bevor ich vor vier Jahren nach Deutschland zurückkehrte, habe ich zwölf Jahre in Asien und Afrika gelebt. Die von Euch genannten Themen sind nicht neu – die kritische Sicht auf Deutschland, Europa und den Westen war dort schon lange spürbar. Neu ist, dass wir diese internationale Wahrnehmung inzwischen auch in Deutschland realistischer sehen. Ereignisse wie der russische Angriffskrieg, der 7. Oktober und die Reaktionen haben Gewissheiten aufgebrochen. Als Institut für Auslandsbeziehungen wollen wir Vertrauen und Verständnis fördern – etwa durch Programme wie Cross Culture, die zivilgesellschaftlichen Akteur*innen Räume für kritischen Dialog bieten. In meiner Wahrnehmung bleibt das Interesse an Zusammenarbeit mit deutschen Partnern immer noch groß. Entscheidend ist, dass wir offen mit Kritik umgehen, Machtverhältnisse reflektieren und die deutsche Perspektive im persönlichen Austausch erklären.   

Juliane Zellner

Es sind bereits viele Regionen der Erde genannt worden, alle drei vertretenen Institute arbeiten international. Wie bereits erwähnt, setzt sich das ITI aus den einzelnen nationalen Zentren zusammen, die bottom-up vom jeweiligen Land selbst eröffnet werden. Goethe-Institut und ifa fällen die Entscheidungen für ihr jeweiliges regionales Engagement dagegen zentral in Deutschland. Wie gehen solche Prozesse vor sich? 

Gesche Joost

Wir entwickeln unser Netzwerk ständig weiter. Prioritäten ergeben sich aus den aktuellen geopolitischen Herausforderungen und den Absprachen dazu mit dem Auswärtigen Amt. Ein Schwerpunkt liegt daher in Osteuropa, wo die Frage nach Europas Einflusssphären gegenüber Russland im Zentrum steht. Gleichzeitig gewinnt der afrikanische Kontinent seit Jahren an Bedeutung: Jahrzehntelang vernachlässigt, bietet er heute und zukünftig großes Potenzial zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Aktuell hat sich in den USA natürlich auch eine neue Ausgangslage ergeben. Statt nur in den Metropolen an den Küsten präsent zu sein, haben wir in Houston ein Büro eröffnet, um breitere Zielgruppen zu erreichen und mit Andersdenkenden in Kontakt zu kommen. Insgesamt geht es dabei um ein ständiges Abwägen zwischen kurzfristigen politischen Prioritäten und langfristiger Netzwerkarbeit. Dabei geht es um strategische Instrumente, die wir aktiv gestalten und weiterentwickeln. 

Gitte Zschoch

Für uns ist zentral, unsere begrenzten Ressourcen gezielt einzusetzen – überall dort, wo unsere Stärken und politischer Bedarf zusammenkommen. Die aktuellen globalen Verschiebungen zeigen uns, dass wir die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit wieder stärker in den Fokus rücken sollten. Während das ifa zwischen 1960 und 1990 in den USA sehr aktiv war, verlagerte sich der Schwerpunkt in 1990er und 2000er Jahren auf Osteuropa, den Nahen Osten und Afrika. Jetzt gewinnen die USA erneut an Bedeutung. Ebenso wichtig sind für uns die deutsch-chinesischen Beziehungen, die direkte EU-Nachbarschaft und Westasien oder der arabischsprachige Raum. Dafür betreiben wir unter anderem das Portal Qantara. Unser Auftrag bleibt es auch, Partnerschaften mit Menschen in Ländern zu stärken, die unsere Werte teilen – liberale Demokratie, offene Gesellschaft sowie Kunst- und Meinungsfreiheit – und unsere Programme und deren Wirkungen regelmäßig strategisch zu überprüfen. 

Juliane Zellner

Wir sprechen jetzt vor allem von der Wirkung ins Ausland und zugleich stellt sich die Frage, wie wirkt unser Tun nach Deutschland zurück? Hier spielt die politische Intention eine Rolle, in welchen Ressorts wir jeweils angesiedelt sind: Im Gegensatz zum Goethe-Institut und dem ifa, wird das ITI durch die Kulturstiftung der Länder und den Beauftragten für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt gefördert und ist somit nicht der Auswärtigen Kulturpolitik zugeordnet. Worin erkennt Ihr Wechselwirkungen über die Ressortgrenzen hinaus? 

Yvonne Büdenhölzer

Für das ITI würde ich hier das Festival THEATER DER WELT nennen. Analog zu dem, was ihr jetzt als Außenwirkung beschrieben habt, soll hier eine Wirkung von außen nach innen entstehen, in die Fläche und in die Breite der Gesellschaft, abseits der Blasen und Kultur-Bubbles. Alle drei Jahre findet das Festival in einer anderen deutschen Stadt statt und präsentiert dort internationale Theaterkultur. Begleitet wird es von Seiten des ITI u.a. durch eine Academy, in der Künstler*innen und Theaterschaffende aus verschiedenen Regionen der Welt zusammenkommen und gemeinsam zu Themen wie Kunstfreiheit und Zensur, Praktiken kollektiver Fürsorge oder fairer Zusammenarbeit arbeiten. Über unser Residenzprogramm wollen wir unterschiedliche Perspektiven, Ästhetiken und Arbeitsweisen auch in Deutschland selbst in den Fokus rücken. Für uns ist es wichtig, dass das Festival nicht wie ein Satellit in einer Stadt landet, sondern dass es dem Publikum Möglichkeiten eröffnet, sich mit internationalen Perspektiven auseinanderzusetzen. In der nächsten Ausgabe in Chemnitz 2026 haben wir ein besonderes Kuratorium für THEATER DER WELT: Neun Kurator*innen aus neun unterschiedlichen Regionen arbeiten für die Ausgabe in Chemnitz zusammen. So entsteht für jede Ausgabe immer wieder eine neue Versuchsanordnung von Kuratorium, Programm und Stadtgesellschaft. 

Gitte Zschoch

International arbeitende Organisationen, die durch das Auswärtige Amt gefördert sind, arbeiten überwiegend im Ausland, daher ist dieses Rückspiel oft nicht die Hauptaufgabe. Das ifa wird zusätzlich durch das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart gefördert. Das gibt uns die Möglichkeit, unser Wissen und unsere Netzwerke auch in Deutschland gezielt einzubringen. Dieses Welt-Wissen oder die internationale Kompetenz, die unsere Institutionen vorhalten, ist wichtig und in unserer Gesellschaft ausbaufähig. Ich finde: Als internationale Netzwerke tragen wir hier alle drei eine besondere Verantwortung. 

Gesche Jost

Besser konntest Du es nicht auf den Punkt bringen. Lasst uns das als Schlusswort nehmen.

Juliane Zellner

Ich danke Euch für das Gespräch.

 

Dieses Interview erschien erstmals im November 2025 in der Jubiläumsbroschüre „70 Jahre deutsches Zentrum des Internationalen Theaterinstituts - Warum wir kooperieren".

 

Dr. Gesche Joost ist seit November 2024 Präsidentin des Goethe-Instituts. Sie ist Professorin für Designforschung an der Universität der Künste Berlin und arbeitet transdisziplinär an der Schnittstelle zwischen den Künsten und den Wissenschaften. In ihrer Forschung befasst sie sich mit den Implikationen der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz auf die Gesellschaft und blickt dabei auf Strukturen des digitalen Kolonialismus und der wachsenden Ungleichheit. Sie ist in verschiedenen Aufsichtsgremien tätig, u.a. im Kuratorium des ZKM Zentrum für Kunst und Medien und im Aufsichtsrat von ottobock und der ING DiBa. 2015 bis 2018 vertrat sie als Internetbotschafterin die Bundesregierung zu Fragen der Digitalen Agenda in der EU-Kommission. In Berlin hat sie beim Aufbau wichtiger Institutionen mitgewirkt, u.a. beim Weizenbaum Institut für die vernetzte Gesellschaft und beim Einsteincenter Digital Future. 

Gitte Zschoch ist Generalsekretärin und Vorstand des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart. Zuvor leitete sie das europäische Netzwerk der nationalen Kulturinstitute EUNIC in Brüssel und gründete das Goethe-Institut in Kinshasa. Stationen ihrer Arbeit führten sie außerdem nach München, Johannesburg, Seoul und Tokio. Sie studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Moderne Koreanische Literatur an der Seoul National University. Ihre Arbeit konzentriert sich auf internationale Kulturzusammenarbeit und gesellschaftliche Transformationsprozesse. 

Yvonne Büdenhölzer ist Dramaturgin and Kuratorin. Sie kuratierte die Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa in Wiesbaden und Mainz (2010) und leitete den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens (2005 bis 2011). Von 2012 bis 2022 war sie Künstlerische Leiterin des Theatertreffens. Seit 2021 ist sie Präsidentin des deutschen Zentrums des Internationalen Theaterinstituts. Yvonne Büdenhölzer ist Mitglied in verschiedenen Jurys und Fachkommissionen, u. a. der Kulturstiftung des Bundes und des Goethe-Instituts. Seit 2023 leitet sie den Suhrkamp Theater Verlag. 

Dr. Juliane Zellner ist Theaterwissenschaftlerin, Urbanistin und Betriebswirtin. Seit Beginn 2025 ist sie Direktorin des ITI Zentrum Deutschland. Nach einem Studium in München, Canterbury und London promovierte sie an der Hafencity-Universität Hamburg zu Theaterräumen in Buenos Aires und Istanbul. Darüber hinaus war und ist Juliane Zellner als freischaffende Publizistin (u. a. Theater der Zeit), Projektleiterin (u. a. Kein Schlussstrich!), Beraterin (u.a. Kulturreferat München) und Lehrbeauftragte (u.a. Bauhaus-Universität Weimar) tätig. Von 2022 bis 2024 war Juliane Zellner Geschäftsführerin des Dachverbands freie darstellende Künste Hamburg.