ITI - Deutschland
Deutsches Zentrum des Internationalen Theaterinstituts
iti world
  • 2018 - 70 Jahre Internationales Theaterinstitut

  • Ram Gopal Bajaj, Maya Zbib, Simon McBurney, Sabina Berman, Werewere Liking (v.l.n.r.); Fotos: ITI-Weltverband

Ram Gopal Bajaj, Indien

Nach allen evolutionären Erzählungen wissen wir nur eines ganz genau: dass alle Lebensformen danach streben, bis in alle Ewigkeit zu überleben. Wenn irgend möglich, versucht das Leben, Zeit und Raum zu durchdringen, um Unsterblichkeit zu erlangen. Dabei neigen die Lebewesen auch dazu, sich selbst zu verstümmeln und auszuradieren. Wie auch immer. Hier wollen wir unsere Überlegungen auf das Überleben der Menschheit und ihre Entwicklung vom jagenden Höhlenmenschen der Steinzeit bis in unser Weltraumzeitalter beschränken. Sind wir heute achtsamer? Feinfühliger? Freudvoller? Liebevoller im Umgang mit der Natur, der wir entspringen?
Seit unseren Anfängen in der Steinzeit haben die darstellenden Künste (Tanz, Musik, Theater) das Instrument der Sprache, bestehend aus Vokalen und Konsonanten, entwickelt. Vokale drücken im Wesentlichen Gefühle und Emotionen aus, und Konsonanten übermitteln Form und Gedanke/Wissen. Daraus sind die Mathematik, Geometrie, Waffen und jüngst die Computer hervorgegangen. In dieser Evolution der Sprache gibt es kein zurück. Die Erde selbst wird nicht überleben, wenn sich die darstellenden Künste und Wissensdisziplinen (Technologie eingeschlossen) nicht vom Alltäglichen, von Wut, Gier und Übel befreien.
Die Massenmedien, Wissenschaft und Technologie haben uns dämonische Kräfte verliehen. Also nicht das Theater ist in der Krise, sondern die Inhalte, die Aussagen und Anliegen. Wir müssen den Menschen dazu anhalten, den Planeten Erde, und damit das Theater zu retten. Kinder müssen bereits in der Grundschule an Schauspiel und Bühnenkunst herangeführt werden, sodass eine Generation heranwächst, die achtsamer und gerechter mit dem Leben und der Natur umgeht. Sodass die Errungenschaften der Sprache dieser Erde und anderen Planet weniger Schaden zufügen. Zudem wächst die Bedeutung des Theaters für die Erhaltung des Lebens selbst. Hierzu muss es Darsteller und Publikum in dieser kosmischen Ära der Gemeinschaft gegenseitig bestärken, anstatt zu bedrohen.
Ein Hoch auf das Theater, das diesen Anspruch in Stadt und Land allmählich umzusetzen weiß: „Mit Leib, Sprache und Mitgefühl gemeinsam für die Bildung der kommenden Generationen.“

Aus dem Englischen von Lisa Wegener

 

Biografie

Ram Gopal Bajaj, geboren in Darbhanga, Indien, ist ein mit vielen Preisen ausgezeichneter und hochgeschätzter Schauspieler, Regisseur, Autor und Theaterdozent.
Nach Abschluss seiner Ausbildung an der Universität von Bihar wechselte er 1965 an die Staatliche Schule für Drama – mit der er seither untrennbar assoziiert wird – und spezialisierte sich auf Schauspiel. Im Anschluss an seine Schauspielausbildung wurde er Mitglied der Fakultät und verfeinerte seine Theorie zur Theaterausbildung. Seither arbeitet er als Direktor der Universität sowie als Gastdozent und hat Professuren an der Punjabi Universität, der Universität von Hyderabad und der Modern School von Neu-Delhi inne.
Ursprünglich aus dem Bereich der akademischen Theaterausbildung kommend wurde Bajaj eines der Gründungsmitglieder von „Dishantar“, einer Gruppe professioneller Theatermacher, die sich 1967 gründete. Von dieser Plattform aus konnte er eine ernsthafte Schauspielkarriere beginnen. Schon seine frühen Auftritte - in indischen wie internationalen Dramen – fanden höchste Anerkennung. Später etablierte er sich als Regisseur, wobei er seine Erfahrungen als Schauspieler und Dozent in die Praxis umsetzen konnte.
Seit seinem ersten Durchbruch spielte Bajaj in 36 Theaterstücken und führte Regie in 45 Produktionen. Er erhielt Preise für seine Leistungen auf beiden Gebieten, so unter anderem den „National Award for Imaginative Indian Theatre“ der staatlichen Presseagentur National Press of India für seine Theaterregie (1992) und den Preis für die beste schauspielerische Leistung auf dem Dada Saheb Phalke Filmfestival (2017). Er übersetzte und adaptierte 19 Theaterstücke aus unterschiedlichen Sprachen ins Hindi und ist berühmt für seinen einzigartigen Rezitationsstil von Poesie.
Für seine immensen Leistungen auf dem Theater wurde Ram Gopal Bajaj im Jahr 2003 vom Präsidenten des Landes mit dem „Padma Sri“, dem vierthöchsten Orden Indiens, ausgezeichnet. Er erhielt 2015 und auch 2016 weitere Preise für sein Lebenswerk, 2017 wurde ihm der „Hindi Academy Natak Samman“ Preis für seinen herausragenden Beitrag zum Kanon der Hindi-Sprache und -Literatur verliehen. Bis zum heutigen Tag arbeitet er als Schauspieler, Regisseur und Autor für Theater und Film.


Maya Zbib, Libanon

Es ist ein Moment der Verbundenheit, eine nicht wiederholbare Begegnung, die in keiner anderen weltlichen Tätigkeit existiert. Nichts mehr als eine Gruppe Menschen, die sich entscheiden, zu einer bestimmten Zeit, an einem Ort, für ein gemeinsames Erlebnis zusammenzukommen. Es lädt Individuen dazu ein, zu einer Gemeinschaft zu werden, Ideen zu teilen und Wege zu finden, die Last notwendigen Handelns zu teilen… langsam zu ihrer menschlichen Verbundenheit zurückzufinden und nicht die Unterschiede zu betonen, sondern Gemeinsamkeiten zu finden. Es ist der Ort, an dem besondere Geschichten Universalität erlangen. Hierin liegt die Magie des Theaters – dort, wo Repräsentation ihren archaischen Charakter zurückgewinnt.  
In einer Zeit, wo überall in der Welt zügellose Angst vor dem Anderen, Isolation und Einsamkeit herrschen, wird das gemeinsame, hautnahe Sein im Hier und Jetzt zu einem Akt der Liebe. Die Entscheidung, sich vom Streben nach unmittelbarer Befriedigung und eigenen Ansprüchen in unseren von Konsum und Beschleunigung geprägten Gesellschaften frei zu machen, die Geschwindigkeit zu drosseln, zu kontemplieren und gemeinsam zu reflektieren, wird zu einer politischen Handlung, einem Akt der Großzügigkeit.
Wie können wir unsere Zukunft in einer Welt, die nach dem Niedergang der großen Ideologien Jahrzehnt für Jahrzehnt das Scheitern ihrer Ordnung beweist, neu erfinden? Wo Sicherheit und Bequemlichkeit zur größten Sorge und zur Priorität in den vorherrschenden Diskursen geworden sind, sind wir da noch bereit zu unbequemen Gesprächen? Würden wir unsicheres Terrain betreten, ohne den Verlust unserer Privilegien zu fürchten?
Wo schnelle Informationen wichtiger sind als Wissen, Slogans wertvoller als Worte und das Bild eines Leichnams mehr verehrt wird als der Körper eines echten Menschen, da brauchen wir das Theater, um uns daran zu erinnern, dass wir aus Fleisch und Blut sind, und unser Körper Gewicht hat; um all unsere Sinne zu wecken und uns zu ermahnen, dass wir nicht nur mit den Augen allein aufnehmen. Theater ist dazu da, dem Wort seine Kraft und Bedeutung zurückzugeben, und die Diskurse von der Politik zurückzuholen, um sie an ihren rechtmäßigen Platz zu bringen… zurück in die Arena der Ideen und Debatten, dem Ort kollektiver Vision.
Durch die Kraft des Geschichtenerzählens und der Imagination lernen wir vom Theater, einander und die Welt in einem neuem Licht zu sehen, denn inmitten überwältigender Ignoranz und Intoleranz öffnet es einen Raum für gemeinsames Nachdenken. In einer Zeit, in der sich Fremdenfeindlichkeit, Hassreden und Phänomene weißer Vorherrschaft mühelos einen Weg zurück auf die Bildfläche bahnen, nachdem Millionen von Menschen weltweit unter Mühen und Opfern dafür gekämpft haben, sie zu beschämen und in Verruf zu bringen… Einer Zeit, in der Jugendliche erschossen werden oder im Gefängnis landen, weil sie sich Ungerechtigkeit und Apartheid widersetzen… Einer Zeit, in der Wahnwitzige und Rechtsextremisten einige der bedeutendsten Länder der „ersten Welt“ regieren… Einer Zeit, in der sich das virtuelle Spiel mächtiger Kind-Männer zu einem Atomkrieg auszuwachsen droht… Einer Zeit, in der Mobilität nur wenigen vorbehalten ist, während Flüchtende bei dem Versuch, die hohen Mauern eines illusionären Traums zu überwinden, im Meer ertrinken, und immer neue und teurere Mauern gebaut werden… Wo sollen wir unsere Welt hinterfragen, wenn fast alle Medien zum Ausverkauf stehen? Wo sollen wir unsere conditio humana überdenken und eine neue Weltordnung entwerfen, wenn nicht in der Intimität des Theaters – gemeinschaftlich, mit Liebe und Mitgefühl – aber auch durch die konstruktive Konfrontation mit Intelligenz, Resilienz und Widerstandskraft?
Ich komme aus der arabischen Welt und könnte viel von den Schwierigkeiten erzählen, mit denen Künstler*innen bei ihrer Arbeit zu kämpfen haben. Doch die Theatermacher*innen meiner Generation sehen es als Privileg an, keine unsichtbaren, sondern sichtbare Mauern zu bekämpfen. Dadurch haben wir gelernt, aus dem Bestehenden heraus Neues zu schaffen, und Zusammenarbeit und Einfallsreichtum bis an die Grenzen auszureizen: Theatermachen in Kellern, auf Dächern, in Wohnzimmern, in schmalen Gassen und auf den Straßen, und in Städten, Dörfern, Flüchtlingslagern irgendwie ein Publikum finden. Wir mussten bei null anfangen und Wege finden, der Zensur zu entgehen, und dabei trotzdem Grenzen überschreiten und Tabus brechen – das war unser Vorteil. In einer Zeit, wo es weniger Subventionen gibt als je zuvor und politische Korrektheit zum neuem Zensurorgan wird, werden Theatermacher auf der ganzen Welt mit diesen Mauern konfrontiert.
Und so kommt der internationalen Theater-Gemeinschaft im Kampf gegen diese immer zahlreicher werdenden, greifbaren und nicht greifbaren Mauern mehr als je zuvor eine immense Bedeutung zu. Es gilt, mutig und spielerisch neue soziale und politische Strukturen zu erfinden; unseren Schwächen ins Auge zu sehen und Verantwortung zu übernehmen für eine Welt, die wir gemeinsam gestalten. Als Theatermacher mit globaler Vision folgen wir weder einer Ideologie noch einem Glaubenssystem. Was uns verbindet, ist die unermüdliche Suche nach Wahrheit in all ihren Formen, das ständige Hinterfragen des Status Quo, die Infragestellung eines Systems repressiver Macht und zu guter Letzt, unsere menschliche Integrität.  
Wir sind viele, wir fürchten nichts und wir sind da und wir bleiben!

Aus dem Englischen von Lisa Wegener

 

Biografie

Maya Zbib ist Theaterregisseurin, Künstlerin, Schriftstellerin und Mitbegründerin der Zoukak Theatre Company.
Ihr Werk wird in der arabischen Welt, in Europa, den USA, Afrika, Lateinamerika und Südostasien gezeigt, sie unterrichtet Theater weltweit im akademischen wie nicht-akademischen Kontext.
Sie hat Auftragsproduktionen für – unter anderen – das NYUAD’s Performing Arts Centre, die Universität Houston, das Williams College, das Stadttheater Krefeld-Mönchengladbach, das Festival Schwindelfrei, das LIFT Festival und das Royal Court Theatre entwickelt.
Zbib ist Absolventin der Goldsmiths University, London (2007), Alumna des Chevening/KRSF (2007) und des Cultural Leadership International Programms des British Council (2010); sie ist Stipendiatin der International Society for the Performing Arts (ISPA), New York (2010) und war im Rahmen der Protégé Arts Initiative (2011) und des Rolex Mentoring Programms Protegé von Peter Sellars.
Ihre Kompanie Zoukak erhielt ein Ibsen Stipendium (2012), den Euromed Dialog Preis für soziale Resilienz und Kreativität der Anna Lindh Stiftung (2014), das Premium Imperiale Stipendium für junge Künstler der Japan Arts Association (2017) und den Friedenskulturpreis der Chirac Stiftung (2017).


Simon McBurney, Vereinigtes Königreich

Eine halbe Meile vor der Küste der Kyrenaika im Norden Libyens befindet sich eine riesige Felshöhle. 80 Meter breit und 20 hoch. Im hiesigen Dialekt wird es Haua Fteah genannt. Mitte 1951 wurde mittels Kohlenstoffdatierung nachgewiesen, dass der Ort in den letzten 100.000 Jahren ununterbrochen von Menschen bewohnt war. Unter den Ausgrabungsgegenständen befindet sich eine Knochenflöte, deren Alter auf 40- bis 70.000 Jahre geschätzt wird. Als kleiner Junge fragte ich meinen Vater, als ich davon erfuhr: „Hatten die damals Musik?“
Er lächelte mich an. „Wie alle menschlichen Gemeinschaften.“
Er war ein in den USA geborener Prähistoriker und der erste, der am Haua Fteah in der Kyrenaika Grabungen unternahm.
Ich fühle mich geehrt und glücklich, Europa am diesjährigen Welttheatertag zu repräsentieren.
Im Jahr 1963, als die Bedrohung durch einen Atomkrieg die Welt lähmte, schrieb mein Vorgänger, der große Arthur Miller: „Wenn man in einer Zeit schreiben soll, in der die Diplomatie und Politik so furchtbar machtlos sind, muss die zart aber oft lang wirkende Kunst die Bürde tragen, die menschliche Gemeinschaft zusammenzuhalten.“
Die Bedeutung des Wortes Drama geht auf das griechische Wort „dran“ zurück: „handeln, etwas tun“, und das Wort Theater stammt vom griechischen „Theatron“ – wörtlich: „Ort, von dem man zuschaut“. Ein Ort, an dem wir nicht nur zuschauen, sondern sehen, empfangen, verstehen. Vor 2.400 Jahren entwarf Polyklet der Jüngste das große Theater von Epidauros. Es fasst bis zu 14.000 Menschen und die verblüffende Akustik dieses Freilufttheaters grenzt an ein Wunder. Das Geräusch eines Streichholzes, das in der Mitte der Bühne entzündet wird, kann man auf allen 14.000 Sitzen hören. Wie in griechischen Theatern konnte das Publikum nicht nur die Darsteller auf der Bühne, sondern auch die Landschaft dahinter sehen. So verschmelzen nicht nur die verschiedenen Orte, wie die Gemeinschaft, das Theater und die natürliche Umgebung, sondern auch die verschiedenen Zeiten. Das Schauspiel ließ die alten Mythen in der Gegenwart auferstehen, und der Blick über die Bühne hinaus offenbarte unsere fernste Zukunft: Die Natur.
Eine der bemerkenswerten Offenbarungen von Shakespeares Globe Theatre in London betrifft die Sicht. Sie betrifft das Licht. Bühne und Zuschauerraum sind gleich hell erleuchtet. Darsteller und Publikum können einander sehen. Immer. Überall, wo man hinschaut, sind Menschen. So werden wir daran erinnert, dass die großen Monologe etwa von Hamlet oder Macbeth nicht nur private Meditationen sind, sondern öffentliche Debatten.
Wir leben in einer Zeit, in der es schwer ist, klar zu sehen. Fiktion ist allgegenwärtig, und das mehr als jemals zuvor in der Geschichte und Urgeschichte. Jede „Tatsache“ kann angezweifelt werden und jede Anekdote kann sich uns als Wahrheit präsentieren. Eine Fiktion ist in unserer Umgebung jedoch besonders präsent. Es ist jene Fiktion, die uns spaltet. Von der Wahrheit fernhält. Und voneinander. Sodass wir getrennt sind. Völker von Völkern. Frauen von Männern. Menschen von der Natur.
Doch wir leben nicht nur in einer Zeit der Spaltung und Fragmentierung, sondern auch in einer Zeit immenser Bewegung. Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte waren die Menschen so in Bewegung: vielfach auf der Flucht; laufend, schwimmend, wenn es sein muss, migrierend; überall auf der Welt. Und das ist erst der Anfang. Wie wir wissen, besteht die Antwort darauf im Schließen der Grenzen. Im Bauen von Mauern. Ausschluss. Isolation. Wir leben in einer Welt der Tyrannei, in der Gleichgültigkeit die allgemeine Währung und Hoffnung Schmuggelware ist. Und das Kontrollieren von Raum und Zeit ist Teil dieser Tyrannei. Die Zeit, in der wir leben, scheut die Gegenwart. Sie konzentriert sich auf die jüngste Vergangenheit und die nahe Zukunft. Dies hier habe ich nicht. Das da werde ich kaufen.
Und wenn ich es gekauft habe, brauche ich das nächste… Ding. Die tiefe Vergangenheit ist ausgelöscht. Die Zukunft ist ohne Belang.
Viele sagen, das Theater wird oder kann nichts an all dem ändern. Doch das Theater wird nicht verschwinden. Denn Theater ist ein Ort, um nicht zu sagen, ein Fluchtort. Wo Menschen zusammenkommen und sofort eine Gemeinschaft bilden. Wie wir es immer getan haben. Alle Theater haben die Größe erster menschlicher Gemeinschaften: zwischen 50 und 14.000 Seelen - von der Karawane eines Nomadenvolks bis zu einem Drittel des alten Athen.
Und weil Theater allein in der Gegenwart existiert, stellt es diese verheerende Vision von der Zeit in Frage. Immer ist der gegenwärtige Moment Gegenstand des Theaters. Die Konstruktion seiner Bedeutung ist das gemeinsame Werk von Darsteller und Publikum. Nicht nur hier, sondern jetzt. Ohne das Werk der Darsteller wäre das Publikum nicht fähig zu glauben. Ohne den Glauben des Publikums jedoch wäre die Darbietung unvollständig. Wir lachen im selben Moment. Wir sind ergriffen. Leise stockt uns der Atem, sind wir geschockt. Und in diesem Moment entdecken wir durch das Theater die tiefste aller Wahrheiten: dass das, was wir für die privateste Grenze zwischen uns hielten, bildet die Grenze unseres eigenen, individuellen Bewusstseins, das gleichzeitig grenzenlos ist. Es ist etwas, das wir teilen.
Und sie können uns nicht stoppen. Jeden Abend treten wir erneut auf. Jeden Abend kommen Darsteller und Publikum aufs Neue zusammen. Und das gleiche Drama wird neu inszeniert. Denn, wie der Autor John Berger sagte: „Die rituelle Wiederkehr ist im Wesen des Theaters fest verankert.“ Darum war es seit jeher die Kunst der Enteigneten und Besitzlosen, und das sind wir – angesichts der Zerstörung unserer Erde – letztlich alle. Wo immer Darsteller und Publikum zusammenkommen, da werden Geschichten inszeniert, die nirgendwo anders erzählt werden können – sei es in Opern, Stadttheatern oder Lagern, in denen Geflüchtete und Migranten Zuflucht suchen, im Norden Libyens und überall auf der Welt. Dieses Reenactment wird uns auf ewig verbinden.
Und wären wir in Epidauros, so könnten wir aufschauen und sehen, wie wir all das mit einer ausgedehnten Landschaft teilen. Wir sind immer Teil der Natur und können ihr ebenso wenig entkommen, wie diesem Planeten. Wären wir im Globe Theatre, so würden wir sehen, dass uns die scheinbar privaten Fragen alle angehen. Und wenn wir die 40.000 Jahre alte Kyrenaika-Flöte in den Händen halten könnten, so würden wir verstehen, dass Vergangenheit und Gegenwart hier untrennbar vereint sind, und dass das Band der menschlichen Gemeinschaft von Tyrannen und Demagogen nie gebrochen werden kann.

Aus dem Englischen von Lisa Wegener

 

Biografie

Simon McBurney, geboren in Cambridgeshire, UK, ist Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur. Nach dem Studium der Englischen Literatur an der Universität von Cambridge wandte er sich bald dem Theater zu und schrieb sich an der École Internationale de Théâtre Jacques Lecoq in Paris ein.
Als Mitbegründer des Théâtre de Complicité in London (1983) hatte er fortan die Plattform für die praktische Umsetzung dessen, was er über Drama gelernt hatte. Er führte Regie in einer Fülle von Produktionen, zu den großen Erfolgen der Kompanie gehören unter anderen: „Mnemonic“ (1999), „Der Elefant verschwindet“ (2003), „Das Herz eines Hundes“ (2010), „Der Meister und Margarita“ (2011).
Zusätzlich zur Regiearbeit schrieb Simon McBurney 2007 „Eine verschwindende Nummer“, eine Erzählung über die Zusammenarbeit eines britischen Mathematikers und eines indischen Wissenschaftlers, für die er auch Regie führte. Die Produktion tourte weltweit. Im Jahr 2009 entwickelte er das Konzept für das Stück „Shun-kin“, basierend auf den Schriften des japanischen Autors Jun‘ichiro Tanizaki, mit und führte wiederum Regie.
Es heißt, dass das Théâtre de Complicité sehr stark von der theoretischen und akademischen Theaterauffassung Simon McBurney‘s geprägt ist. Es ist für einen charakteristischen Theaterstil bekannt, der viel Wert auf starke physische, poetische und surrealistische Bilder legt, der die Dialoge mit einem großartigen Sinn für das Spektakel unterlegt. Die Arbeiten der Kompanie touren weltweit mit großem Erfolg, in Deutschland wurde sie 1993 durch das ITI-Festival „Theater der Welt“ mit „The Street of Crocodiles“ bekannt.
Simon McBurney erhielt viele renommierte Preise für seine Arbeiten, unter anderen 1998 den Laurence Olivier Preis für die beste Choreographie für seine Überarbeitung des „Kaukasischen Kreidekreises“; 1999 und 2007 den Preis der Theaterkritiker für „Mnemonic“ bzw. „Die verschwindende Nummer“; 2005 wurde er zum Officer of the Order of the British Empire ernannt.
Neben dem Theater arbeitet McBurney als Schauspieler und als Autor für Film wie Fernsehen.


Sabina Berman, Mexiko

Stellen wir uns vor
Ein Stamm jagt Vögel, er bewirft sie mit kleinen Steinchen. Da taucht ein riesiges Mammut auf und BRÜLLT, zugleich BRÜLLT ein kleines Menschlein genau wie das Mammut. Dann rennen alle ...
Jenes Mammutgebrüll, hervorgestoßen von einer Frau – ich stelle mir vor, es handelt sich um eine Frau – ist der Beginn dessen, was unsere Spezies ausmacht. Eine Spezies die dazu fähig ist, etwas nachzuahmen, was sie NICHT ist. Eine Spezies befähigt zur Darstellung des Anderen.
Überspringen wir zehn, hundert oder tausend Jahre. Der Stamm hat gelernt, andere Wesen nachzuahmen und in der Tiefe einer Höhle, im flackernden Licht des Lagerfeuers die morgendliche Jagd darzustellen. Vier Männer sind das Mammut, drei Frauen sind der Fluss, Männer und Frauen sind Vögel, Bäume, Wolken. So fängt der Stamm mit der Gabe des Theaterspielens die Vergangenheit ein. Und, noch erstaunlicher: So erfindet der Stamm eine mögliche Zukunft; er entwirft verschiedene Möglichkeiten, den Feind des Stammes, das Mammut, zu besiegen.
Aus Brüllen, Pfeifen, Murmeln – den Lautmalereien dieser Urform des Theaters - wird verbale Sprache. Aus gesprochener wird geschriebene Sprache. Auf einem anderen Weg wird Theater zum Ritual und dann zum Kino. In den Samenkörnern jeder dieser Formen steckt immer noch das Theater. Es ist die einfachste, die lebendigste Form der Darstellung. Je einfacher, je intimer Theater ist, desto mehr ist es verknüpft mit der erstaunlichsten menschlichen Begabung: der Fähigkeit den Anderen darzustellen.
Heute feiern wir in allen Theatern der Welt die ruhmreiche menschliche Fähigkeit des Theaterspielens: die Darstellung und Erfassung unserer Vergangenheit, um diese zu verstehen – oder auch das Erfinden einer möglichen Zukunft für den Stamm, um freier, um glücklicher zu werden.
Ich spreche selbstverständlich von Theaterstücken, die wirklich wichtig sind und über reine Unterhaltung hinausgehen. Diese wichtigen Theaterstücke habe heute dasselbe Ziel wie ihre ältesten Vorläufer: mittels der Gabe der Darstellung die zeitgenössischen Feinde des Stammesglückes zu besiegen.
Welche Mammuts muss das Theater des Stammes heute besiegen?
Ich behaupte, das größte Mammut ist die Entfremdung der menschlichen Herzen. Der Verlust unserer Fähigkeit, mit den Anderen zu fühlen: Mitleid zu empfinden. Und unsere Unfähigkeit mit dem nichtmenschlichen Anderen zu fühlen: der Natur.
Was für ein Paradox. Heute, am äußersten Ende des Humanismus angelangt – im Zeitalter des Anthropozän, dem Zeitalter, in dem das Menschliche die natürliche Kraft ist, die den Planeten am stärksten umgestaltet hat und dies noch immer tut – ist die Sendung des Theaters das genaue Gegenteil dessen, was den Stamm in der Tiefe der Höhle ursprünglich zusammenbrachte: heute müssen wir unsere Verbindung mit der Natur retten.
Mehr als die Literatur, mehr als der Film ist das Theater – das die Gegenwart von Menschen vor anderen Menschen verlangt – wunderbar für die Aufgabe geeignet, uns davor zu bewahren, zu Algorithmen zu werden. Zu reinen Abstraktionen.
Nehmen wir dem Theater alles Überflüssige weg. Ziehen wir es nackt aus. Denn je einfacher das Theater ist, desto eher ist es imstande uns an das einzige Unleugbare zu erinnern: wir sind, während wir in der Zeit sind, wir sind, während wir aus Fleisch und Blut sind, während wir ein Herz haben, das in unserer Brust schlägt. Wir sind hier und jetzt, nur hier und jetzt.
Es lebe das Theater. Die älteste Kunst. Die gegenwärtigste Kunst. Die erstaunlichste Kunst. Es lebe das Theater.

Aus dem Spanischen von Dieter Welke

 

Biografie

Sabina Berman, geboren in Mexico City, ist Schriftstellerin und Journalistin, sie wird als Mexikos kritischste aber auch erfolgreichste Autorin bezeichnet, sie gehört zu den produktivsten unter den zeitgenössischen Autoren spanischer Sprache.
Noch vor ihrer Geburt flohen ihre Eltern vor der Verfolgung jüdischer Mitbürger in ihrem Heimatland Polen nach Mexiko, wo Sabina zusammen mit zwei Brüdern und einer Schwester aufwuchs - durchaus im Bewusstsein, welche Belastung das Exil für die materielle Verfasstheit ihrer Familie bedeutete. Ein ganz entscheidender Faktor auch für ihr späteres Leben, wie sie glaubt.
Ihre Arbeiten als Schriftstellerin kreisen hauptsächlich um Fragen der Diversität und die Widerstände, die sich ihr in den Weg stellen. Ihr Stil ist von Humor gekennzeichnet und dem Bedürfnis, über sprachliche Grenzen hinauszugehen. Viermal hat sie den „Premio Nacional de Dramaturgia Juan Ruiz Alarcón“, den nationalen Autorenpreis Mexikos, gewonnen und zweimal wurde sie mit dem nationalen Journalistenpreis „Premio Nacional de Periodismo“ ausgezeichnet. Ihre Stücke werden in Kanada, USA, Lateinamerika und Europa aufgeführt. Ihr Roman „La mujer que buceó dentro del corazón del mundo (Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte) wurde in elf Sprachen übersetzt und in über 33 Ländern veröffentlicht, unter anderem in Spanien, Frankreich, den USA, Großbritannien, Israel und Deutschland.
Zurzeit arbeitet sie für Film und Fernsehen

Werewere Liking, Elfenbeinküste

Eines Tags

Fasst ein Mensch den Entschluss, sich vor einem Spiegel (einem Publikum) Fragen zu stellen

Sich Antworten auszudenken, vor demselben Spiegel (seinem Publikum)

Sich zu kritisieren, sich über die eigenen Fragen und Antworten lustig zu machen

Darüber zu lachen oder zu weinen, was soll’s, aber am Ende

Seinen Spiegel (sein Publikum) zu grüßen und zu segnen.

Dass der ihm einen solchen Augenblick des Atemholens oder Verdrusses vergönnte.

Er verbeugt sich und grüßt ihn, um ihm Dankbarkeit und Respekt zu bezeugen.

Im Grunde seines Herzens suchte er nach Frieden,

Frieden mit sich selbst und mit seinem Spiegel.

Er spielte Theater.

An jenem Tag sprach er…

Seine Schwächen verachtend, seine Paradoxien und Verzerrungen

Mit seiner Mimik, seinen Verrenkungen die Schäbigkeiten geißelnd

Die seine Menschlichkeit verhunzten

Schurkereien welche Katastrophen zeitigten

Er sprach zu sich selbst…

Er bewunderte, den Schwung mit dem er über sich hinauswuchs,

Sein Streben nach Größe, seine Sehnsucht nach Schönheit,

Sein Trachten nach einem besseren Leben, einer besseren Welt,

all dies gebaut mit den eigenen Gedanken,

geschmiedet mit eigener Hand

Wenn er es wollte, von sich und zu sich im Spiegel, sagt er sich,

Wenn er und der Spiegel es teilten, danach zu verlangen …

Aber er weiß, es war nur gespielt

Lächerlich nur, bestimmt Illusion

Aber gewiss auch geistiges Handeln,

Aufbau, Wiedererschaffung der Welt

Er spielte Theater.

Selbst wenn er all seine Hoffnungen torpedierte

Mit Worten und Gesten der Anklage

Ließ er nicht davon ab, glauben zu machen,

Dass alles sich an einem einzigen Abend vollziehe

Mit seinen verrückten Blicken

Seinen sanften Worten

Seinem schalkhaften Lächeln

Seinem köstlichen Humor

Mit seinen Worten, die, ob sie verwunden oder besänftigen

Eine Chirurgie des Wunders vollziehen.

Ja, er spielte Theater.

Und deshalb machen wir in Afrika, im Allgemeinen

Und besonders in seinem schwarzen Teil,

Dem Teil der Kamita1, aus dem ich stamme,

Uns über alles lustig, sogar über uns selbst

Über alles lachen wir, auch wenn wir trauern und weinen

Wir geben dem Boden Schläge, wenn er uns enttäuscht

Mit dem Gbégbé2 oder dem Bikoutsi3

Wir schnitzen schreckliche Masken,

Die Glaé4, die Wabélé5 oder die Poniougo,6

Um den unerbittlichen Prinzipien Gestalt zu verleihen,

Die uns die Kreisläufe und Zeiten auferlegen,

Und Marionetten, die schließlich ihre Schöpfer darstellen

Und ihre Strippenzieher unterwerfen.

Wir ersinnen Riten, in denen das gesprochene Wort zum Gesang anschwillt

Zum rhythmischen Atem

Und sich aufschwingt, das Heilige zu erobern

Tänze bewirkend wie Trancen.

Zaubergesänge, Rufe zur Frömmigkeit

Aber auch und besonders schallendes Lachen

Um die Freude am Leben

Die weder Jahrhunderte der Kolonisierung,

Des Rassismus, der Diskriminierung

Noch unaufhörliche Zeiten unsäglicher Ausschreitungen

Haben ersticken und unsere Seele ausreißen können,

Die Seele des Vaters und der Mutter der Menschheit

In Afrika, wie überall auf der Welt:

Wir spielen Theater.

In diesem besonderen, dem ITI gewidmeten Jahr

Bin ich glücklich und geehrt

Unseren Kontinent zu vertreten

Und bringe seine Friedensbotschaft mit,

Die Friedensbotschaft des Theaters.

Denn dieser Kontinent, von dem man vor nicht allzu langer Zeit sagte,

Dass die Welt ohne Not auf ihn verzichten könne, und ohne dass man sein Fehlen verspürte,

Dieser Kontinent wird wieder anerkannt in seiner vorrangigen Rolle

Als Vater und Mutter der Menschheit.

Hierher strömt die ganze Welt,

Denn ein jeder hofft stets darauf, Frieden zu finden,

In den Armen seiner Eltern.

In diesem Sinne ruft unser Theater mehr als je zuvor,

Alle Menschen und ganz besonders jene,

die das Denken, die Worte und das Handeln des Theaters teilen,

Dazu auf, sich selbst wie auch die anderen zu achten,

Und den besten Werten der Menschlichkeit den Vorrang zu geben,

In der Hoffnung, in einem jeden eine größere Menschlichkeit zurückzuerobern,

eine Menschlichkeit, die Intelligenz und Verstehen wieder zutage treten lässt,

Mit einem der wirksamsten Anteile menschlicher Kultur,

einem der alle Grenzen auslöscht, dem Theater.

Einem der großherzigsten Teile, denn er spricht alle Sprachen,

Steckt in allen Kulturen, spiegelt alle Ideale wider,

Ist Ausdruck einer tiefen Einheit aller Menschen

Die durch alle Konfrontationen hindurch

Danach streben, einander besser kennenzulernen

Und zu lieben, in Frieden, in Ruhe

Wenn die Darstellung zur Teilnahme wird

Und uns an die Pflicht zum Handeln erinnert,

Die die Macht des Theaters uns auferlegt,

Die Macht alle Menschen zum Lachen und Weinen zu bringen,

Unwissen zu verringern und Wissen zu mehren

Damit der Mensch zum größten Reichtum des Menschen wird.

Unser Theater möchte all diese humanistischen Prinzipien, all diese hohen Tugenden

all diese Ideen von Frieden und Völkerfreundschaft,

Die die UNESCO verkündet,

Von Grund auf prüfen und neu bewerten

Um sie in den Szenen zu verkörpern, die wir heute schaffen,

Damit diese Ideen, diese Prinzipien wieder wesentliche Notwendigkeit werden,

Zunächst der Theaterschaffenden selbst,

Die sie dann besser mit ihrem Publikum teilen können.

Deshalb sagt unser letztes Theaterstück: „Der Gottbaum“ folgendes,

So wie der Kindack7 Ngo Biyong Bi Kuban8, unser aller Meister, es empfiehlt:

„Gott ist wie ein dicker Baum,

von dem jeder nur einen Teil sieht,

je nach dem Blickwinkel des Betrachters:

Wer über den Baum fliegt, sieht nur das Laub,

Vielleicht auch Früchte und Blüten, je nach Jahreszeit,

Wer unter der Erde lebt, weiß mehr über seine Wurzeln

Wer an seinem Stamm lehnt, erkennt ihn

Am Gefühl im Rücken.

Wer aus einer bestimmten Himmelsrichtung sieht, erblickt Dinge, zu denen diejenigen,

Die aus der gegenüberliegenden Richtung auf ihn schauen, keinen Zugang haben.

Einige Privilegierte werden das Geheimnis zwischen Rinde und Holz wahrnehmen,

Und andere das intime Wissen über den Kern des Baums,

Aber wie oberflächlich oder intim die Wahrnehmung eines jeden sein mag,

Niemand hat einen Blickwinkel der es ihm ermöglicht, alles wahrzunehmen,

Es sei denn man wird selbst zu diesem göttlichen Baum!

Aber ist man dann noch Mensch?

Mögen alle Theater der Welt sich tolerieren und akzeptieren

Um den weltweiten Zielen des ITI zu dienen

Damit es zu seinem 70. Geburtstag

Mehr Frieden gebe auf der Welt,

Mit starker Teilnahme des Theaters.

 

Aus dem Englischen von Dieter Welke

 

 

Werewere Liking, Elfenbeinküste

Werewere Liking wurde in Kamerun geboren und lebt seit 1978 in Elfenbeinküste. Sie ist eine Künstlerin vieler Disziplinen: als Schriftstellerin veröffentlichte sie fast 30 Titel, vom Roman über Erzählungen, Essays, Kunstbücher und Gedichte bis zum Theaterstück. Seit 1968 malt sie und nahm an zahlreichen Ausstellungen in der ganzen Welt teil. Außerdem ist sie Dramaturgin, Puppenspielerin mit innovativen Ideen und Regisseurin zahlreicher großer Theaterfresken, die als afrikanische Opern beschrieben werden und zum Teil um die Welt tourten. Als Schauspielerin arbeitet sie für Theater und Film. Und sie ist Rapperin …

Als Forscherin gestaltete sie an der Universität von Abidjan (ILENA) im Rahmen eines Projekts zu traditionellen Techniken der Pädagogik von 1979 bis 1985 die Revolutionierung des rituellen Theaters in ihrer Heimat mit. Um diese Erfahrungen reicher gründete sie das Künstlerdorf Ki-Yi M‘bock, wo sie ein spezielles von afrikanischen Initiationsriten inspiriertes Ausbildungsprogramm entwickelte, das insbesondere junge Menschen in schwierigen Lebensumständen anspricht und ihnen durch die Ausbildung soziale Reintegration ermöglicht. Dafür erhielt sie den Prinz-Claus-Preis „Heldin der Stadt“ (2000). Mit der Gründung der „Panafrikanischen Ki-Yi Stiftung für die Jugendbildung und die Entwicklung der Kultur“ (2001) verfolgt sie diese Zielsetzung seither weiter. Unter den zahlreichen renommierten Preisen, die sie erhielt, seien der französische Prix Arletty erwähnt, der Preis der belgischen Fondation René Praille, der Fonlon Nichols Preis der Universität von Alberta, Kanada; sie wurde zum Chevalier des Arts et des Lettres Françaises ernannt und erhielt den nationalen Verdienstorden (Commandeur de l’Ordre national du Mérite). Sie war Mitglied des Hohen Rates der Frankophonie (1997-2003), wurde mit dem Noma-Literaturpreis ausgezeichnet (2005) und als Buch des Jahres 2007 für ihren Roman „La Mémoire Amputée“. Sie ist ein ständiges Mitglied der ASCAD (Académie des Sciences, des Arts et Cultures d’Afrique et des Diasporas Africaines) in Elfenbeinküste.