ITI - Deutschland
Deutsches Zentrum des Internationalen Theaterinstituts
  • Jury Award für deutschen PQ-Beitrag zu Bühnenbildner Bert Neumann (Foto: PQ)

  • Für das ITI nahm Felix Sodemann den Special Award der Prager Quadriennale 2019 entgegen. (Foto: David Kumermann)

  • Im Theater Gera hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters jetzt den 3. Theaterpreis des Bundes verliehen | © Eva Radünzel

  • Music Theatre Now Gewinner*in 2018: AQUASONIC (Foto: Ambra Vernucci)

  • Prager Quadriennale | Instandsetzung der Zirkuswagen | Foto: Martin Breine

  • Den Veränderungsdruck, der auf Theatern lastet, erörterte die Fachtagung zum Theaterpreis des Bundes 2019 in Gera. | © Eva Radünzel

  • Eröffnung XCHANGES Kampnagel Hamburg, Showcase Beat le Mot, Mai 2019 (Foto: Mathias Thurm)

  • ITI-Jahrestagung / africologneDIALOGFORUM

  • Prager Quadriennale | Instandsetzung der Zirkuswagen | Foto: Martin Breine

  • Music Theatre Now Gewinner*in 2018: MITRA (Foto: Bernard Coutant)

  • Uraufführung von „Jin Jiyan – Der Aufbruch“ von Anina Jendreyko am Theater Krefeld-Mönchengladbach (April 2019), Foto: Matthias Stutte

  • Music Theatre Now Gewinner*in 2018: FALLING AWAKE (Foto: Alexander Banck-Petersen)

  • Das ITI-Jahrbuch 2018 ist online

  • Das ITI-Zentrum Zyperns ist Mitveranstalter des „2019 International Festival of Ancient Greek Drama“. (Foto: Cyprus Centre of the International Theatre Institute)

Botschaft zum Welttheatertag 2019

Foto: Laura Ramos

Carlos Celdrán

Bevor ich zum Theater kam, waren dort schon meine Lehrer. Sie hatten ihre Häuser und ihre poetischen Konzepte auf dem gebaut, was ihnen ihr eigenes Leben hinterlassen hatte. Viele von ihnen sind nicht bekannt oder man erinnert sich kaum an sie: sie arbeiteten aus der Stille heraus, aus der Demut ihrer Probenräume und ihrer Theatersäle voller Zuschauer, und langsam, im Verlaufe arbeitsamer Jahre, in denen sie Außerordentliches leisteten, räumten sie ihren Platz und verschwanden. Als ich begriff, dass mein Handwerk und meine persönliche Bestimmung darin bestanden, ihren Schritten zu folgen, begriff ich auch, dass ich von ihnen jene einzigartige, herzzerreißende Tradition erbte, das Gegenwärtige zu durchleben, einzig und allein in der Erwartung, die Durchsichtigkeit eines nicht wiederholbaren Augenblicks zu erreichen. Ein Moment der Begegnung mit dem Anderen in der Dunkelheit eines Theaterraums, allein geschützt durch die Wahrheit einer Geste, eines vielsagenden Wortes.

Mein Theaterland besteht aus diesen Momenten der Begegnung mit den Zuschauern, die Abend für Abend in unser Theater kommen, aus den verschiedensten Winkeln meiner Stadt, um uns zu begleiten und ein paar Stunden, ein paar Minuten mit uns zu teilen. Aus diesen einzigartigen Minuten baue ich mein Leben, höre ich auf „ich“ zu sein und an mir selbst zu leiden, ich werde wiedergeboren und begreife, was Theatermachen bedeutet: Augenblicke reiner vergänglicher Wahrheit, von der wir wissen, dass das, was wir im Licht der Bühne sagen und tun, gewiss ist und unser Tiefstes, unser Persönlichstes widerspiegelt. Mein Theaterland, das meinige und das meiner Schauspieler, ist ein Land, gewebt aus jenen Momenten in denen wir die Masken hinter uns lassen, die Rhetorik, die Furcht zu sein, was wir sind, und uns die Hände reichen in der Dunkelheit.

Die Tradition des Theaters ist horizontal. Niemand kann behaupten, dass es irgendeinen privilegierten Mittelpunkt in der Welt gibt, in irgendeiner Stadt, in irgendeinem Gebäude. Das Theater, wie es mir zuteilwurde, erstreckt sich auf unsichtbarem Gelände, welches das Leben der Theatermacher und das Theaterhandwerk in derselben vereinenden Geste miteinander vermischt. Alle Meister des Theaters wissen, dass es keine Anerkennung gibt, die Bestand hätte vor dieser Gewissheit, die die Wurzel unserer Arbeit ist: Momente der Wahrheit, der Zweideutigkeit, der Kraft, der Freiheit in größter Unsicherheit. Von den Meistern wird nichts überleben außer Daten und Verzeichnissen ihrer Arbeiten in Videos und Fotos, die nur eine blasse Idee von dem vermitteln, was sie schufen. Was solchen Katalogen stets fehlen wird, ist die stille Antwort des Publikums, das augenblicklich erkennt, dass das, was dort auf der Bühne geschieht, unübersetzbar  ist und außerhalb des Theaters nicht auffindbar, dass die Wahrheit, die es hier teilt, eine Erfahrung des Lebens ist, für Sekunden durchscheinender als das Leben selbst.

Als ich begriff, dass das Theater seinem innerstem Wesen nach ein Land ist, ein großes Territorium, das die gesamte Welt umfasst, entstand in mir ein Entschluss, der zugleich auch eine Freiheit bedeutet: du brauchst dich nicht von deinem Ort zu entfernen, musst nicht reisen. Dort wo du bist, ist auch das Publikum. Dort sind die Gefährten, die du an deiner Seite brauchst. Dort, vor deinem Haus, findest du die tägliche undurchsichtige, undurchdringliche Wirklichkeit. Von dieser scheinbaren Bewegungslosigkeit aus arbeitest du nun, um die größte aller Reisen zu konstruieren, die Wiederholung der Odyssee, der Argonautenfahrt: du bist ein unbeweglicher Reisender, der unaufhörlich die Dichte und Festigkeit seiner wirklichen Welt beschleunigt. Deine Reise geht zum Augenblick, zum Moment, zur unwiederholbaren Begegnung mit deinesgleichen. Zu ihnen führt deine Reise, zu ihren Herzen, zu ihrer Subjektivität. Du reist durch ihr Innerstes, durch ihre Gefühle und Erinnerungen, die du erweckst und bewegst. Man kann deine schwindelerregende Reise weder ermessen noch verschweigen, es ist eine Reise durch die Fantasie deiner Leute, ein Samen, ausgesät in der entlegensten Gegend: dem politischen, ethischen, menschlichen Bewusstsein deiner Zuschauer. Deshalb bewege ich mich nicht und bleibe zu Hause, unter meinen Vertrauten, in scheinbarer Ruhe, und arbeite Tag und Nacht, weil ich das Geheimnis der Geschwindigkeit in mir trage.

Havanna (Kuba) im Januar 2019

Übersetzung aus dem Spanischen: Dieter Welke

Carlos Celdrán

Carlos Celdrán wurde 1963 in Kuba geboren, wo er lebt und als Regisseur, Autor, Theaterpädagoge arbeitet.
1986 schloss er sein Theaterstudium ab und arbeitete zunächst als Berater, dann als Hausregisseur im Teatro Buendía in Havanna.
1996 gründete Celdrán die Gruppe Argos Teatro, deren künstlerischer Leiter er bis heute ist und mit der er dem kubanischen Publikum die Rezeption zeitgenössischen europäischen Theaters eröffnete. Argos Teatro ist eine der bekanntesten Theaterkompanien Kubas, ihre Produktion „Zehn Millionen“ (Stücktext von Celdrán) tourte international, ebenso wie die jüngste Produktion „Mysterien und kleine Stücke“ („Misterios y pequeñas piezas“, 2018)
Carlos Celdrán erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem 16mal den kubanischen Kritikerpreis in der Kategorie „Beste Inszenierung“. Seit mehr als 20 Jahren lehrt er am Instituto Superior de Arte de Cuba, wo er die Meisterklasse Regie unterrichtet.