Auch wenn nach der weitgehenden Stillstellung des öffentlichen Lebens im Frühjahr 2020 mittlerweile an vielen Orten wieder geprobt und gespielt werden darf und davon auszugehen ist, dass im Herbst die meisten Veranstaltungsorte ihre Türen wieder öffnen werden: Von einer Rückkehr zur Normalität kann (nicht nur) für Künstler:innen und Häuser kaum die Rede sein.

Wir haben einige unserer Mitglieder gebeten, davon zu berichten, auf welche Weise ihre Arbeit und ihre Routinen von der weltweiten Pandemie unterbrochen, eingeschränkt und vielleicht nachhaltig verändert worden sind. Gemeinsam ist allen, dass die Umstellung auf Coronabedingungen ihnen außergewöhnliche Flexibilität, Ausdauer und Kreativität abverlangt hat und ihre Arbeit noch auf unbestimmte Zeit beeinflussen wird.

Gleichzeitig gilt es, Themen, die bereits vor dem Lockdown aktuell waren, nicht aus dem Blick zu verlieren, sondern sie gerade jetzt zu diskutieren, da die Abhängigkeiten in einer global vernetzten Welt noch einmal besonders spürbar geworden sind. Deswegen haben wir nach aktuellen Projekten gefragt, aber auch danach, wie internationale Kooperationen in den nächsten Jahren gestaltet werden können, wenn man bedenkt, dass nicht nur aufgrund akuter Ansteckungsgefahr, sondern auch im Hinblick auf weltweite Klimagerechtigkeit der Flug- und Reiseverkehr grundlegend neu organisiert werden müssen. Zu welchen Normalitäten des Theaterbetriebs möchten und können wir vielleicht nicht zurückkehren?

"Lieber die Krise weglassen..."- der Titel dieser Gesprächsreihe ist ein Zitat aus dem Gespräch mit Wilfried Schulz, der Theaterarbeit ohnehin nicht als business as usual verstanden wissen möchte, zu dem man demnächst zurückkehren könnte. Und so ist die sogenannte Krisenzeit vielleicht eher eine Erinnerung an die Krisenhaftigkeit einer global verflochtenen Welt, deren Fragilität jetzt und in Zukunft in Betracht gezogen werden muss.

Martine Dennewald, Künstlerische Leiterin des Festivals Theaterformen, Vizepräsidentin des ITI

Foto: Jacqueline Moschkau

Mit einer Sonderausgabe mit dem Titel "A Sea of Islands“ beschließt Martine Dennewald nach sechs Jahren ihre Zeit als künstlerische Leiterin des Festivals Theaterformen in Braunschweig und Hannover, das vom 02.-12.07.2020 stattfindet.

Zuvor war sie als Schauspielreferentin und Kuratorin des Young Directors Project bei den Salzburger Festspielen tätig sowie als Dramaturgin sowie interimistische Leiterin des Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt a. M. Seit 2019 ist Martine Dennewald Vizepräsidentin des ITI.

Im Gespräch erzählt sie, wie ein Theaterfestival ohne Theater aussehen kann. Vor dem Hintergrund einer pandemietauglichen Festivalausgabe, die mit vergleichsweise wenigen Flugkilometern zustande kommt, erinnert Sie daran, die zwingend notwendige Diskussion um die Folgen des Klimawandels nicht in den Hintergrund treten zu lassen.

Martine Dennewald beantwortete unsere Fragen am 16. Juni.

Wilfried Schulz, Generalintendant Düsseldorfer Schauspielhaus

Wilfried Schulz ist seit 2016 Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses. Davor leitetet er bis 2016 das Staatsschauspiel Dresden und war Schauspielintendant am Staatstheater Hannover sowie Chefdramaturg am Hamburger Schauspielhaus und am Theater Basel. Nach wochenlanger Spielplanumgestaltung erfuhr Schulz am Tag unseres Gesprächs, dass das Abstandsgebot in NRW aufgehoben wurde. Warum er das nicht nur für eine erfreuliche Nachricht hält, und in welcher Rolle er die Theater in den letzten Monaten gesehen hat, erklärt er in unserem Interview

Das Gespräch wurde am 12. Juni 2020 aufgenommen.
Hier finden Sie eine schriftliche Version.

Annette Dabs, Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin des Deutschen Forums für Figurentheater und Puppenspielkunst e. V.

Annette Dabs ist Schauspiel- und Opernregisseurin und Kulturmanagerin. Seit 1997 ist sie die künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Deutschen Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst, das sich als Anlaufstelle und Informationsbörse für die Szene versteht und sich bundesweit für die Puppenspielkunst in all ihren Erscheinungsformen engagiert. In dieser Funktion ist sie auch verantwortlich für das seit 1958 alle zwei Jahre stattfindende Festival FIDENA – Figurentheater der Nationen. Im Interview betont sie, wie wichtig die Förderung junger Künstler:innen derzeit ist und appelliert an die Kulturpolitik, Künstler:innen dabei zu unterstützen, auch in den nächsten Monaten international zusammenzuarbeiten.

Das Gespräch mit Annette Dabs haben wir am 05. Juni geführt.

Alle Beiträge des Grand Prix d'Amour finden Sie hier.
"Gemeinsam stark für das Figurentheater!" Das dfp hat einen Aufruf zur Mitarbeit am Masterplan Figurentheater veröffentlicht.

Kerstin Ortmeier und Gerhardt Haag, africologne (Köln)

Kerstin Ortmeier und Gerhardt Haag haben 2011 in Köln gemeinsam africologne (Festival und Produktion) als Plattform für transnationalen, künstlerischen Austausch in einem afro-europäischen Netzwerk gegründet. Das biennal stattfindende africologneFESTIVAL wird vom Verein afroTopia e.V. getragen und als produzierendes sowie im- und exportierendes Festival der afrikanischen Künste durchgeführt. Da das Festival immer in den ungerade Jahren stattfindet, hoffen die Beiden, im Juni 2021 eine reguläre Festivalausgabe planen zu können. Wie es Ihren künstlerischen Partner:innen geht und welche Projekte sie derzeit gefährdet sehen, erzählen die beiden in unserem Interview.

Das Gespräch wurde am 12. Juni in der Mediathek für Tanz und Theater des ITI aufgezeichnet.

Axel Tangerding, Künstlerischer Leiter Meta Theater (Moosach)

Foto: Peter Hinz Rosin

Axel Tangerding gründete nach beruflichen Anfängen als Architekt 1980 das Meta Theater in München. Dabei spielt der Austausch mit außereuropäischen Künstler:innen eine besondere Rolle. Für sein interkulturelles, international künstlerisches Engagement und seine Verdienste um kulturelle Vermittlung erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 2002 das Bundesverdienstkreuz, 2012 den Tassilo Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung und 2016 die Wilhelm Hausenstein Ehrung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in der Sektion Theater. Er ist u. a. im Vorstand des Bundesverbands Freie Darstellende Künste (BFDK) engagiert sowie als Communication Manager der European Association of Independent Performing Arts (EAIPA). 2019 gab er mit Christopher Balme das Buch „Res publica Europa. Networking the performing arts in a future Europe“ (Theater der Zeit) heraus.

Das Video-Interview mit Axel Tangerding erscheint hier in Kürze.

Carena Schlewitt, Intendantin von Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste

Foto: Stephan Floss

Carena Schlewitt ist Dramaturgin, Kuratorin und Theaterleiterin. Sie studierte Theaterwissenschaft an der Humboldt Universität Berlin und arbeitete dann von 1985 bis 1993 an der Akademie der Künste in Ost-Berlin, anschließend bis 1999 am Podewil und beim Festival Theater der Welt 1999 in Berlin. Sie war Dramaturgin und stellvertretende künstlerische Leiterin am Forum Freies Theater (FFT) Düsseldorf und von 2003 bis 2008 Theaterkuratorin und stellvertretende künstlerische Leiterin des HAU Berlin. 2008 übernahm sie die künstlerische Leitung der Kaserne Basel und gründete 2012 das internationale Theaterfestival Basel neu. Seit der Spielzeit 2018/2019 ist Intendantin von Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste in Dresden.

Caren Schlewitt hat unsere Fragen am 26. Juni schriftlich beantwortet.

 

1. Hellerau arbeitet nicht nur mit vielen internationalen Künstler:innen, sondern auch am Austausch mit den Menschen vor Ort – welche Auswirkungen haben die Ein- und Umstellung der Programmbetriebs auf die Rolle der Institution in der Stadt? Welche Ideen haben Sie, um weiter zu wirken?

Abgesehen von den unmittelbaren Auswirkungen der Schließung, sind die Auswirkungen der Umstellung des Programmbetriebs noch nicht wirklich einzuschätzen. Künstlerische Projekte verändern sich mit den neuen Bestimmungen oder werden auf unbestimmt verschoben. Die Zuschauer*innen-Situation verändert sich nicht nur zahlenmäßig, auch in Bezug auf künstlerische Formen und Begegnungsformate. Dennoch versuchen wir, bestimmte Formate auch mit den Corona-Maßnahmen durchzuführen, wie zum Bespiel das erwähnte ArtRose-Projekt. Zunächst kommen die Menschen zurück, denen HELLERAU als Ort gefehlt hat. Hier erleben wir eine Dankbarkeit für die „Echtzeit-Begegnungen“. HELLERAU kann jetzt in dieser Jahreszeit auch seinen Kulturgarten für künstlerische Formate anbieten, was ein großes Glück ist. Der Wiedereinstieg erfolgt insgesamt vorsichtig, langsam. In diesem Sinne wird es insgesamt ein „Prozess der Rückkehr“ sein. Die große Frage ist, wie wir gemeinsam mit den Künstler*innen und unserem Publikum die Wochen und Monate im Herbst, Winter gestalten können und wie wir den Prozess der Rückkehr verwandeln können in einen neuen Prozess voller Entdeckungen.
Im Rahmen des Tanzpaktes Dresden haben wir eine Plakataktion im Stadtraum gestartet zum Thema künstlerische Arbeit – die Zitate der Choreograf*innen und Tänzer*innen verweisen auf andere Art auf die besondere Situation von Einschränkung und gleichzeitiger intensiver Arbeit.

2. Die Diskussion um internationale Zusammenarbeit wurde schon vor der Pandemie geführt. Im Fokus stand dabei insbesondere der ökologische Fußabdruck. Wie sehen für Sie, gerade jetzt und in Zukunft, sinnvolle internationale Kooperationen aus?

Grundsätzlich bleibt für mich die Internationalität essentiell in unserer Arbeit. Das Bewusstsein in der Planung und Durchführung von Projekten müssen wir allerding m.E. von vornherein anders schärfen. Das fängt bei unserer eigenen Reisetätigkeit an, bei der Planung von Koproduktionen, Gastspielen, Festivals und geht bis hin zu neuen Modellen in der Umsetzung internationaler Projekte. Wir sollten Frequenzen verringern, längere Aufenthalte, Residenzen ermöglichen, die produktive und kreative Anschlüsse vor Ort erlauben. Wir sollten Spezialist*innen für unterschiedliche Bereiche, Themen, Regionen befragen und hier spezifische Netzwerke und Arbeitszusammenhänge entwickeln. Also insgesamt noch stärker ein Bewusstsein für die Fragen unterschiedlicher Formen internationaler Zusammenarbeit entwickeln und die Verhältnismäßigkeit im Blick haben. Und offene Diskussionen im Kunst- und Kulturbereich über dieses Thema führen.
Darüber hinaus müssen sich Bund, Länder, Kommunen darüber Gedanken machen, wie sie Theater nachhaltig ausrüsten – als Gebäude und im Technikbereich. Das wäre m.E. eine große Aufgabe.

3. Wie kann die Entwicklung und das Erhalten internationaler künstlerischer Kooperationen politisch unterstützt werden? Welche Fördermaßnahmen sollten (weiter-)entwickelt werden, um Künstler:innen weltweit zu unterstützen?

Es braucht Förder- und Austauschmaßnahmen, die unabhängig geplant und durchgeführt werden können, ohne politische Abhängigkeiten, ohne eine offizielle Normierung von Austauschmaßnahmen. Einerseits Netzwerke fördern und andererseits konkrete Partnerbeziehungen, aus denen langfristige und wiederkehrende Kooperationen und Projekte entstehen. Kunst und Begegnungen entstehen auch aus Zufällen – man sollte Rahmenbedingungen für Zufälle schaffen und Rahmenbedingungen für konkrete Vorhaben. Und unbedingt parallele Maßnahmen fördern, zum Beispiel internationale Berichterstattungen.

4. Welche Aspekte Ihrer Arbeit treten gerade in den Vordergrund, welche gilt es unbedingt zu retten und welche überdenken Sie gerade grundlegend?

Im Moment bin ich mit der Haushaltssperre beschäftigt, mit den angekündigten Kürzungen des nächsten Doppelhaushalts in Dresden, also ganz konkret damit, wie wir in HELLERAU weitermachen können. Wir arbeiten daran, viele der abgesagten Projekte in der nächsten Spielzeit nachzuholen und bereiten zusammen mit den Künstler*innen bereits geplante Projekte für eine Umsetzung vor, müssen aber auch konkret darüber nachdenken, was vorerst nicht realisierbar ist. Da ist bisher wenig Raum für die Zukunft, Corona hat nach der Absage von Veranstaltungen zu vielen weiteren unmittelbaren Problemen geführt, die gelöst werden müssen. Mir geht es um die Aufgabe, wie wir ein Haus wie HELLERAU weiterhin als guten Partner für die künstlerische Arbeit der vielen freien Compagnien regional und weltweit etablieren können.

Ich hoffe, dass wir wieder dazu kommen, über Themen, Partner, Ästhetiken und Kunst nachzudenken, zu reden und Freiräume zu schaffen. Bürokratisierung, Verwaltung haben ja in den letzten Jahren extrem zugenommen in der Planung und Durchführung von Kunstprojekten. Und ich wäre froh, wenn der Kunst etwas von der Last der kommerziellen Erwartungen genommen wird und ihr dafür wieder mehr Eigenwilligkeit, riskanter Nonkonformismus zugestanden wird – verbunden mit Zeit, mit Raum und mit Experimenten – eine andere Form von Kosten-Nutzen-Rechnung.

5. Was ist Ihnen in der letzten Zeit im Hinblick auf Ihre Arbeit besonders wichtig geworden?

Der Wunsch, die geplanten Projekte durchzuführen, Künstler*innen zu unterstützen, was aber wiederum von der Situation unseres Hauses abhängig ist, Gespräche mit Künstler*innen und im Team zu führen, Versuche, trotz der präsenten Gegenwart, Zukunft zu denken, sich überraschen lassen von neuen Ideen. Der Wunsch, das Haus zu öffnen und viele Menschen zu erleben, die sich für die Live-Künste interessieren. Den Kontakt zu unseren internationalen Partnern in vielen Ländern zu halten und sich auszutauschen, auch gemeinsam in die Zukunft zu denken.

6. Sehen Sie die Gefahr einer neuen Konzentration auf das Nationale? Was kann und sollte kultur-politisch unternommen werden, um das zu verhindern? Welche Rolle können die Künste dabei spielen?

Ja und Nein. Ich bin überzeugt, dass wir die internationale Vernetzung nicht mehr rückgängig machen können und auch nicht sollten. Außerdem sind viele Regionen in Deutschland bereits international – das ist unsere Realität. Die Internationalität in der Kunst wird diesem Umstand gerecht und bereitet darauf vor, dass wir noch diverser werden können und sollten. Darin liegt ein Zukunftspotenzial. Und gleichzeitig können und müssen wir uns mit unseren verschiedenen Geschichten, Mentalitäten, Identitäten und Befindlichkeiten beschäftigen und auseinandersetzen. Es gibt viel zu tun in diesem Spannungsfeld. Wir können die Welt nicht vor unserer Haustür lassen und es uns bequem machen, das funktioniert nicht. Und gerade die Künste bewegen sich hier immer wieder grenzüberschreitend auf einem ganz eigenen Terrain, das dennoch sehr real ist.

Sophia Stepf, Flinn Works

Foto: Christina Laube

Sophia Stepf studierte Dramaturgie in Leipzig und Toronto. Seit 2006 ist sie Künstlerische Leiterin von Flinn Works und wurde für ihre Stücke u. a. mit dem Förderpreis beim Zürcher Theaterspektakel 2014 und drei META Awards in Neu-Delhi 2014 ausgezeichnet. 2017 war sie mit Flinn Works für den George-Tabori-Hauptpreis nominiert. Seit 2001 konzipiert und kuratiert sie regelmäßig Theaterprojekte und Fortbildungen in Indien, u. a. für das Goethe-Institut und die National School of Drama, Neu-Delhi. Seit 2005 arbeitet sie auch als freie Dramaturgin. Sie war Lehrbeauftragte für „Interkulturelle Dramaturgie“ im Studiengang Dramaturgie an der HMT Leipzig. Ab und zu schreibt sie für theater heute über Indien und gibt transkulturelle Trainings im Bildungs- und Kulturbereich. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. Von 2012-2016 war Sophia Stepf im Vorstand des ITI.

Flinn Works' Performance GLOBAL BELLY über transnationale Leihmutterschaft feierte am 20. Juni 2020 in einer speziellen Version Premiere am Theater Freiburg.

Sophia Stepf hat unsere Fragen am 19. Juni schriftlich beantwortet.

 

1. Welche Projekte und Kooperationen, die Euch am Herzen lagen, können aufgrund der derzeitigen Situation nicht stattfinden?

Wir arbeiten derzeit an einem neuen Projekt mit Performer*innen aus Ruanda und müssen leider eine Fassung erarbeiten, in der niemand mehr reist. Die ruandischen Performer*innen können nur auf Video und via Text und Audioaufnahmen auf der Bühne in Deutschland präsent sein.

2. Die Unterstützung für Künstler:innen ist in den Bundesländern teilweise sehr verschieden. Habt Ihr Soforthilfen o. ä. in Anspruch genommen und adressieren diese die Arbeit einer freien, international arbeitenden Gruppe sinnvoll?

Wir sind in Berlin und haben die Soforthilfe von der IBB/Senat beantragt und auch bekommen. Wir konnten damit ein paar Ausfallhonorare zahlen und das fühlte sich gut und richtig an. Wir haben zusätzlich aber die Basisförderung des Berliner Senats, die trägt uns durch die Krise.

3. Es könnte durchaus sein, dass sich das Reisen in den nächsten Jahren grundlegend verändern wird. Welche Auswirkungen hat das auf Eure Arbeit? Arbeitet ihr schon an Formaten, mit denen Ihr dieser langfristigen Situation begegnen könnt?

Wir arbeiten gerade an einer neuen Form der digitalen Stückentwicklung, die aber in eine Live-Performance mündet. Unser Medium ist immer noch live und wir wollen Video so dynamisch wie möglich in unseren Arbeitsprozess und die Vorstellung einbinden.

4. In den letzten Jahren habt Ihr u. a. viel mit afrikanischen Künstler:innen kooperiert. Gibt es einen Austausch darüber, welche politischen Maßnahmen sinnvoll wären, um gerade die Zusammenarbeit zwischen internationalen Künstler:innen weiterzuführen und zu unterstützen?

Wir sind noch nicht wirklich soweit, das zu denken und befinden uns noch mitten in der Suche nach Lösungen für die Praxis. Unser Projekt mit ruandischen Künstler*innen wird uns einen Einblick geben, wie künstlerische Zusammenarbeit in den Darstellenden Künsten in den nächsten Monaten aussehen kann. Bevor wir politische Forderungen stellen können, müssen wir neue Arbeitsprozesse ausprobieren. Ergebnisoffene und prozessorientierte Stipendien wie das "Reload"-Stipendium der Kulturstiftung des Bundes sind daher für uns aktuell von großem Wert. Der International Relief Fund des Goethe-Instituts ist auch eine wichtige und tolle Initiative für das Überleben unser Partnerorganisationen im globalen Süden.

5. Welche Aspekte Eurer Arbeit treten gerade in den Vordergrund, welche sind bedroht und gilt es unbedingt zu retten, welche überdenkt Ihr gerade grundlegend?

Wir überlegen natürlich schon länger, wie wir das viele Fliegen reduzieren können und nun müssen wir es. In den Vordergrund tritt, mit wem wir schon Kontakt haben und wie wir diesen Kontakt digital weiterführen können. Wir möchten nicht zurück in die Nationalstaatlichkeit, aber trotzdem live Performances machen.

6. Was ist euch in den letzten Monaten in Bezug auf eure Arbeit besonders wichtig geworden?

Den Kontakt zu unseren Partner*innen zu wahren und Ideen zu entwickeln, wie wir sie unterstützen können, da es uns als Kompanie vergleichsweise so viel besser geht. Wir haben morgen eine Premiere am Theater Freiburg und können also gerade schon wieder live Theater produzieren zwar unter Hygienebedingungen, aber live. Für meine Kolleg*innen in Indien ist das zur Zeit eine utopische Vorstellung. Keine unserer Partner*innen im globalen Süden kann sich gerade über Wasser halten, diese Ungleichheit der Arbeits- und Lebenssituationen, die sich durch Corona nochmal deutlich verschärft, stellt an uns auch die Frage, wie wir weiter leben und arbeiten wollen (und können). Wir starten demnächst einen Think Tank mit unseren Kolleg*innen, um strukturiert gemeinsam darüber nachzudenken. Es muss alles neu werden, soviel ist sicher.