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Kreative Krisenwirtschaft

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Die Berliner Tanz- und Theaterlandschaft ist das Ergebnis einer dauernden Krisensituation in der Stadt.

Von Dirk Pilz

Vielfältigkeit sagt nicht viel aus. Natürlich ist die Berliner Tanz- und Theaterlandschaft vielfältig, gottlob. Man kann an einem gewöhnlichen Wochentag locker in dreißig sehr verschiedene Aufführungen gehen, die unüberschaubare Menge an Laiendarbietungen nicht mitgerechnet. Trotz aller Sparattacken der letzten Jahre und trotz der viel und oft auch zu recht beklagten heiklen Finanzsituation einzelner Häuser, Gruppen oder Projekte – es gibt keine vergleichbar reichhaltige Tanz- und Theaterstadt wie Berlin im deutschsprachigen Raum. Allenfalls Wien könnte sich mit Berlin messen. In Wien aber ist das Burgtheater der alles beherrschende Platzhirsch. Berlin hat kein Haus mit dieser derart herausragenden Position, zum Glück.

Dass Berlin die wichtigste, nämlich ästhetisch reichhaltigste Theaterstadt ist, hat dennoch andere Gründe. Zunächst eher soziologische.

Berlin ist eine Stadt großer Gegensätze ohne Zentrum. Neukölln und Prenzlauer Berg, Charlottenburg und Friedrichshain gehören geographisch zu ihr, aber es liegen Welten dazwischen. Man muss gar nicht die deutsch-deutsche Trennungsgeschichte bemühen, um diese Stadt als einen von Antagonismen gezeichneten Ort zu begreifen – eine U-Bahn-Fahrt von Berlin-Hermannplatz über Berlin-Alexanderplatz nach Berlin-Wittenau genügt. Das fehlende Zentrum, die unterschiedlichen, mitunter disparaten Bevölkerungsschichten, der erfreulicherweise wachsende Einfluss von Migranten – alles das hat die Herausbildung eigenständiger und selbstbewusster Milieus begünstigt. Aus ihnen heraus und für sie entsteht in Berlin Theater. Insofern ist diese Stadt ein Solitär. Anders als etwa in Stuttgart, wo ein großes Haus Theater für die Stadt macht, das im besten Fall auch jenseits der Stadt Strahlkraft entwickelt, machen die Berliner Bühnenkünstler zwangsläufig Theater in einer Stadt, die sich auf keinen Nenner bringen lässt. Und anders auch als in Zürich oder Hamburg gibt es hier eben kein einigermaßen homogenes Bürgertum oder die entsprechende Gegenkultur, aber viele Künstler und viele Kunsträume, die ihr jeweils eigenes Publikum suchen müssen – und finden.

Berlin ist dabei eine vergleichsweise billige Stadt. Man kann auch sagen: eine arme Stadt, eine sehr arme sogar. 2011 wird der Berliner Schuldenberg auf vermutlich 66 Milliarden Euro angewachsen sein. Die allgemeine Finanzlage ist, in einem Wort, katastrophal. Und doch hat das, unfreiwillig, sein Positives. Die Mieten, die Kneipen und Spätläden, das Schwimmbad, der Jazz-Club, die Kinokarte – man kann in Berlin verhältnismäßig preiswert leben. Das erlaubt selbst den notorisch unterbezahlten Künstlern eine halbwegs gesicherte Existenz.

Dieses Berlin hat allerdings, natürlich, auch sein Negatives. Trotz der segensreichen Erfindung eines Hauptstadtkulturfonds ist gerade die Freie Szene in einer enorm schwierigen Situation. Wie viele gute Gruppen und ambitionierte Projekte mussten mangels Geld aufgegeben werden? Man kommt mit dem Zählen nicht nach. Und doch, vertrackte Dialektik!, ist dies wiederum einer der Gründe für die Dynamik der Tanz- und Theaterszene: Es zwingt alle zu eigenständigen, experimentellen, eben kreativen Antworten auf die Gesamtsituation. Die abgedroschene Rede von der Krise als Chance – hier trifft sie zu.

Nehmen wir als Beispiel das Radialsystem V. Zehn Millionen Euro wurden von einem privaten Investor in den Umbau des ehemaligen Pumpwerkes gesteckt. 3000 Quadratmeter hat es jetzt, zwei Theatersäle, drei Studios, dazu die schönen Terrassen zur Spree hin. Als es die Geschäftsführer Jochen Sandig und Folkert Uhde 2006 gründeten, sprachen sie viel von Flexibilität, Offenheit – und Risiko. Ungewohnte Veranstaltungsformate wie Konzerte im Liegen wollten sie einführen. Die Räume sollten Sasha Waltz' Tanzarbeiten eine neue Heimat bieten, offen für Konferenzen und Partys sein. Gut 700 Veranstaltungen und drei Jahre später hat das Radialsystem V fast 80 Prozent Auslastung und eine inzwischen ausgeglichene Bilanz. Das Risiko hat sich gelohnt; hier treffen tatsächlich sehr verschiedene Szenen, Milieus und Künstler aufeinander.

Das Radialsystem ist eine Erfolgsgeschichte, die so nur in Berlin geschrieben werden kann, weil nur die Krisenstadt Berlin diese verschiedenen Szenen, Milieus und Künstler hat. Dass Berlin die Tanz- und Theaterstadt ist, in der die offenen Performancekünste, die außergewöhnlichen Veranstaltungsformate und genreübergreifenden Inszenierungen zu Hause sind wie nirgends sonst, ist eben kein Zufall: Es sind dies immer auch Versuche, einerseits auf die Berliner Situation zu reagieren und andererseits sie zu spiegeln. Als vereinzeltes Haus würden aber weder das Radialsystem V noch die Sophiensaele und das Hebbel Am Ufer, die führenden Spielstätten der Freien Szene, funktionieren. Gäbe es nicht die großen Stadttheater und kein Theater unterm Dach mit seiner jahrzehntelangen, hingebungsvollen Arbeit einer Liesel Dechant, die immer wieder junge Theaterkünstler gefördert und entdeckt hat, gäbe es keine Tanzfabrik, keinen Theaterdiscounter, kein Dock 11, kein Ballhaus Ost und kein Theater an der Parkaue – lauter Spielstätten, die immer wieder gezwungen sind, sich selbst neu zu erfinden – hätte die Berliner Bühnenszene nicht jene Lebendigkeit, die sie auszeichnet. Sie alle arbeiten in einer dichten Konkurrenzsituation, die sich gegenseitig befruchtet.

Das augenfälligste Merkmal ist dabei, dass längst keine abgeschottete Off-Kultur mehr existiert. Die einstmals ideologisch aufgeladene Gegensätzlichkeit von Stadttheater hier und Freier Szene dort ist Vergangenheit. Die Arbeits- und Finanzsituation lässt sich zwar nicht vergleichen, doch die Freie Szene speist sich nicht länger aus einem Rebellentum gegen ein vermeintlich saturiert bürgerliches Theaterwesen; sie ist zum eng gestrickten Netzwerk aus Schauspielern, Regisseuren, Produzenten und Spielorten geworden. Die Stadttheater nehmen die Freien Spielorte mit ihren schnell wechselnden Spielplänen dabei als natürliche Konkurrenten und willkommene Partner wahr – die Angst voreinander ist auf beiden Seiten gewichen. Nach Berlin zieht es deshalb nicht nur immer mehr arbeitslose, junge oder von den verkrusteten Strukturen an Stadttheatern frustrierte Künstler, sie lassen sich zunehmend auch weniger eng an ein Haus binden. Viele changieren zwischen Gastrollen an großen Theatern und temporären Projekten.

Damit wird zwar die erkennbare Identität der einzelnen Bühnen aufgeweicht, gleichzeitig jedoch einer neuen Realität Rechnung getragen: Die Zuschauer gehen punktuelle Bündnisse, keine Abo- oder Fan-Partnerschaften mit einem ganzen Haus ein. Alles ist in Bewegung, vor und hinter der Bühne.

Man kommt daher nicht weit, wollte man den Berliner Spielorten ein jeweils grenzscharfes Profil zuweisen. Natürlich, die Volksbühne lebt von einem anderen Theater- und Gesellschaftsbegriff als das Berliner Ensemble. Und ja, das Hebbel Am Ufer und die Sophiensaele haben eigene Profile, ans Haus gebundene Künstler und Konzepte. Aber alle bewegen sich in einem gemeinsamen Umfeld: einem kurzatmigen, krisengeschüttelten Stadtklima. Selbst die von öffentlicher Hand gut gestützten Stadttheater können sich hier nie sicher sein, weder ihres Publikums noch der Politikergunst.

Das ist Berlin: eine unberechenbare Stadt. Die Vielfältigkeit ihrer Tanz- und Theaterszene ist ein Ergebnis andauernder Krisenwirtschaft. Keiner wird diese verteidigen wollen, alle jedoch finden ihre kreative Antwort darauf. Oder sie verschwinden wieder.

 

Dirk Pilz, Theaterkritiker, schreibt vor allem für die Berliner Zeitung und die NZZ und ist einer der Mitbegründer und Redakteure von www.nachtkritik.de.

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